Mittwoch, 19. Oktober 2016

Room Escape (Live-Spiel)

Kosmos Escape Room: Das Geheimnis der Premiere

❞Null Technik und trotzdem geil!❝


Mehr zu Room Escape (oder Escape Room?) Games hier.

Natürlich wird nichts über tatsächliche Rätsel und Lösungen erzählt. Bin ja kein Spaßverderber.


Dieser Escape Room wird vom Verlag Kosmos als Werbemaßnahme für die EXIT-Kartenspielreihe auf Veranstaltungen aufgebaut. Bisher war er auf der SPIEL 2016 in Essen, dort fast ausschließlich nur spielbar durch Leute, die bei einem Online-Wettbewerb gewonnen hatten. Es wurde angedeutet, dass der Raum auch auf anderen Veranstaltungen stehen wird.

Es sollten immer 4 Leute spielen und die Spielzeit ist auf 30 Minuten beschränkt.

Eine kleine Warnung steht am Schluss dieser Rezension, denn es ist möglich, diesen „Raum“ schon einmal auf andere Weise gespielt zu haben.


Die Story

Man ist zu einer Theaterpremiere eingeladen, aber kaum hat man das Foyer betreten, schließen sich die Türen. Man ist - bis auf eine Garderobiere - alleine und erfährt, dass man die Geheimnisse dieser Premiere, deren Hauptdarsteller die Spieler selber sind, herausfinden muss, um den Raum verlassen zu können.  

Das Ambiente

Kosmos hat sich das richtig was kosten lassen. Obwohl der Raum transportabel ist und am jeweiligen Ort aufgebaut wird (außer der SPIEL 2016 in Essen sind vermutlich noch weitere Einsätze geplant), ist die Ausstattung über jeden Zweifel erhaben. Zwar ist er recht klein (4 Leute haben dort allerdings ausreichend Platz, und so mancher Anbieter würde in diese Größe auch 5 oder 6 einpferchen), aber der Raum liefert über Boden und Wände die Anmutung eines (zugegeben winzigen) Theaterfoyers. Da gibt es Kristallleuchter an der Wand, einen Samtvorhang, gerahmte Fotos und Plakate, Barhocker vor einem schönen Holztresen, hinter dem eine Darstellerin (die Garderobiere) darauf achtet, dass die Spieler den Raum nicht zerlegen und gegebenenfalls Tipps gibt und auf Fragen antwortet. 

Die Beleuchtung ist so hell, dass man alles gut sehen kann, alle Rätsel- und Austattungselemente sind perfekt gestaltet (entweder professionell auf gefräste Kunststoffplatten gedruckt oder aufwändig und robust aus echten Materialien hergestellt).  Kleinere Elemente aus Papier oder Karton sind entweder im Offsetdruck hergestellt oder doch zumindest in qualitativ sehr hochwertigem Farbdruck, perfekt gestaltet und werden für jede Spielgruppe neu im Raum verteilt  - abgegrabbelte, verschmuddelte Papierfetzen gibt es hier nicht. Beschriftungen sind nahtlos und professionell in den Raum integriert.

Alles im Raum hat einen Zweck, er wirkt weder karg noch überladen - sondern einfach stimmig!

Besser machen könnte man das allenfalls marginal, wenn es sich um einen fest eingebauten Raum handeln würde.

An einer derartigen Ausstattung müsste sich die Branche orientieren (was sie leider nur in wenigen Fällen tut)!


Die Rätsel

Wer auf technische Gadgets (RFID-Tags, Sensorik, Elektromechanik) steht, wird hier nicht fündig. Alles ist rein mechanisch gelöst. Hat mich das gestört? Nein, nicht die Bohne! Zwar gibt es das eine oder andere Kombinationsschloss (auch Zahlenschlösser stören mich nicht, es sei denn, der Raum gäbe nichts anderes her), aber die meisten Rätsel und Gegenstände sind extra für das Spiel entworfen und (perfekt) gebaut worden. Die Rätselmenge ist für einen Halbstunden-Raum genau richtig und zum Teil knackig und ungewöhnlich, ohne dass logische Verrenkungen nötig sind.

Man muss – obwohl der Raum so übersichtlich wirkt – eher mehr suchen als in manch anderen Escape Room.

Tatsächlich darf man (ohne Kraftaufwendung) Dinge auseinandernehmen und beschriften und „beschädigen“. Ein Hinweis wie „Durchgang verboten“ heißt noch lange nicht, dass dieser Bereich tabu ist …

Die Spannungskurve ist ganz gut, einige Dinge verblüffen, ein echter, herausragender Höhepunkt fehlt (ich habe ihn aber auch nicht vermisst).

Das Personal

Obwohl wir den Raum erst am letzten Messetag der SPIEL gespielt haben, waren die Spielleiter gut drauf. Die Einführung und Einweisung war gut - allerdings fehlte ein Hinweis (sobald man aus dem Raum entkommt, muss man einen roten Buzzer drücken, um die Zeit exakt festzuhalten) und der Hinweis auf „ihr dürft alles falten, zerreißen und beschriften, was ihr so findet“, war nicht gerade überdeutlich. Für häufige Escape-Room-Spieler ist dieser Hinweis aber sehr, sehr wichtig, mehr dazu im Fazit.

Als wir in den Raum stürmten, begannen wir sofort mit der Erkundung, was die  Garderobiere mit einem „he, nicht so schnell, erst möchte ich Sie begrüßen“ quittierte. Sie wiederholte dann noch einmal einen Teil der Einleitung, die wir kurz zuvor gehört hatten und dann erst startete der Timer.

Die Garderobiere* machte ihre Sache zurückhaltend gut. Nie musste sie uns ermahnen, etwas weniger ruppig vorzugehen (leider, denn ein Quäntchen mehr Ruppigkeit hätte uns flotter vorangebracht), Rückfragen beantwortete sie kurz und knapp (nur Rückversicherungen unsererseits, keine Fragen nach Tipps) – zwei Tipps gab sie jedoch ungefragt – die waren beide aber auch dringend nötig, weil wir in einer selbst verursachten Sackgasse steckten.

Bei einem Objekt im Raum fragten wir: „müssen wir da dran?“ Die Garderobiere verneinte und wir verloren die Sache aus den Augen. Später stellte sich heraus, dass das Objekt doch wichtig für ein Rätsel war, auch wenn wir es dazu nicht anfassen mussten. Wirklich Zeit gekostet hat uns das jedoch nicht.

Das Fazit

Wer die Chance hat, diesen Raum zu spielen, sollte es tun und wird es nicht bereuen. Die Eintrittskarten werden von Kosmos sicher nie verkauft, sondern verlost oder oder an Gewinner von Wettbewerben vergeben. Manche Gewinner von Eintrittskarten bieten diese jedoch im Internet an, weil sie am geplanten Spieltermin keine Zeit haben.

Wer schon Escape-Room-erfahren ist und eher zu den disziplinierten Naturen gehört, muss einige Erfahrungen mit kommerziellen Escape-Room-Anbietern über Bord werfen. Kleinteile aus Pappe oder Papier müssen nicht schonend behandelt werden und einiges an vermeintlicher  Dekoration lässt sich… sagen wir mal: manipulieren (natürlich ohne Kraftaufwand!).

Wer den thematischen Spannungsbogen sucht, wird nur zum Teil fündig. Die meisten Rätsel sind zwar stark mit dem Thema verknüpft, aber eine stimmige Story oder logische Lösung derselben ergeben sich nicht wirklich. Weil der Rest so stark gemacht ist, hat mich das wenig gekümmert.

Am Rande

Kosmos will eine EXIT-Spielreihe ins Leben rufen, die mehr als die seit 2016 erhältlichen drei ersten Boxen umfassen soll. Drei weitere erscheinen in Kürze, ein Ende ist, entsprechende Nachfrage vorausgesetzt, nicht abzusehen. Wie auch schon dieses Spiel hier handelt es sich dabei um einen Escape-Room als Tischspielvariante (ein paar Stanzteile, ein Heftchen und Karten).

Um diese Spiele zu bewerben, gibt es ein kurzes Einführungsspiel namens „Das Geheimnis der Premiere“ (ebenfalls im Wesentlichen auf Karten basierend), das man auf Spieleveranstaltungen durchspielen kann.
Der Raum, der hier beschrieben ist, entspricht exakt diesem Spiel! Zwar muss man im Vergleich zur Kartenvariante im Raum viel mehr Dinge physisch manipulieren und natürlich nach Gegenständen suchen, aber der Ablauf und Kern der Rätsel ist identisch. Wer also glaubt, irgendwann eine Chance auf diesen Raum zu haben, sollte das Probe-Kartenspiel „ Das Geheimnis der Premiere“ lieber nicht spielen.

*Auch noch interessant, aber wirklich ganz am Rande: Garderobiere klingt französisch - ist jedoch (ähnlich wie Oldtimer, Beamer oder Handy im Englischen) ein „falscher Freund“ - also NICHT das französische Wort für Garderobiere. Habilleuse wäre richtig.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen