Mittwoch, 6. Januar 2016

Star Wars VII - Das Erwachen der Macht (fast spoilerfreier Verriss und Clickbait)

❞Die Macht erwacht!

Alte Story mit mehr Blingbling.
Wie oft muss man ein Spiel gespielt haben, um einen Test eine Rezension absondern zu dürfen? Ein Mal? Drei Mal? Dreißig bis fünfzig Mal?
Ich sage mal: kommt aufs Spiel an. Auf die Erfahrung des Rezensenten sicherlich auch. Aus Sicht des Lesers: auf die Erfahrung, die man mit dem Rezensenten bereits gemacht hat.


Bei Theater-, Buch- oder Filmbesprechungen hinterfragt das niemand. Einmal lesen/ansehen reicht anscheinend, um ein fundiertes Urteil abgeben zu können. Ganz schön gemein, so aus Sicht eines Spielerezensenten. Da knallt sich einer zwei Stunden in den Kinosessel und fertig. Unsereiner muss sich dagegen stundenlang mit Spielregeln auseinandersetzen, Mitspieler bewirten und bespaßen, mehrere Abende lang ein womöglich schon nach der Erstpartie ungeliebtes Spiel wieder und wieder angehen, ...

Ganz schön blöder Job, den man sich da ausgesucht hat.

Um wieder einen Beitrag hier reinzusetzen, ohne großen Zeitaufwand, schreibe ich jetzt eine fundierte Rezension zum aktuellen Blockbuster. Ohne ihn bisher gesehen zu haben.

Ich war ein Halbwüchsiger, als Krieg der Sterne in den Siebzigern ins Kino kam. Noch bevor ich ihn tatsächlich sehen konnte, wusste ich alles über den Film, die Spezialeffekte, die Handlung, die Darsteller. Der Stern brachte einen langen Artikel mit vielen, ganzseitigen Filmfotos, die lange Zeit eine Wand meines Zimmers schmückten (das sah furchtbar aus, aber ich habe es geliebt).

Im Kino wurde ich nicht enttäuscht: eine simple Märchenstory (die bekannte Heldenreise), Gut gegen Böse, erzählt mit Spezialeffekten, die man so noch nie gesehen hatte, mit Dialogen und visuellen Hinweisen, die diese kleine, sich offenbar im Verlauf von zwei Tagen abspielende Handlung in ein gigantisches Universum mit reichen und anscheinend gut durchdachten Hintergrundgeschichten platzierten. Was die perfekte Präsentation der eigenen Vorstellung abnahm (die man zuvor fast immer brauchte, um schlechte Effekte oder billige Ausstattung in SciFi- oder Fantasy-Filmen zu akzeptieren), wurde wett gemacht durch die Darstellung einer Welt, die schon bessere Zeiten gesehen hatte, in der jede Figur eine stimmige Vorgeschichte mitbrachte, über die man jeweils nur geschickt platzierte Andeutungen erfuhr, sodass hier die Fantasie auf Reisen gehen konnte.

Ohne Makel war der Film nicht: Ich erinnere mich gut daran, wie ich sofort verzweifelte Ausflüchte im Kopf erfand, als Obi-Wan von den „präzisen“ Einschüssen der imperialen Sturmtruppen sprach, obwohl man doch schon gesehen hatte, was für inkompetente Trottel die waren. Auf den komischen Schluss mit dieser Ordensverleihung hätte ich auch verzichten können (den hätte Lucas bei seinen bescheuerten Überarbeitungen“ sofort entfernen sollen – wohl niemand hätte sich daran gestört). Mich störte auch der oben angesprochene kurze Zeitrahmen der Geschichte – die Story des Weißen Hais erstreckte sich noch über etwa eine Woche, aber mehr und mehr schienen sich große Hollywoodspektakel fast in Echtzeit abzuspielen – und das bereits dreißig Jahre vor der TV-Serie 24. Mir fehlte da der epische Atem.

Den Nachfolger Das Imperium schlägt zurück schaute ich mir auch zwei Dutzend Male im Kino an. Halbwegs logisch aus dem Vorgängerfilm entwickelt, ebenfalls mit viel zu kurz geratenem Handlungsbogen, aber mit denselben Stärken und: hier wurde aus der simplen Märchenstory schon fast ein Epos.

Die Rückkehr der Jedi-Ritter sah ich nur ein einziges Mal im Kino. Das spricht Bände. Die verworrene und im Rückblick in jeder Hinsicht undurchdachte Rettungsaktion am Anfang war Mist, wenn auch sehr schön anzusehender Mist, der Waldplanet, äh, ’tschuldigung, liebe Star-Wars-Nerds: Waldmond! wirkte leider nur noch allzu irdisch und hatte nicht mehr diese traumhafte vertraut-aber-trotzdem-ungewohnt-Qualität der bisherigen Handlungsorte, die Ewoks konnte ich zwar akzeptieren, nicht jedoch ihren dusseligen Schlusskampf – und dass man Han Solo vom Rasenden Falken trennt, war unverzeihlich. Stattdessen bekam man Szenen vor der Tür eines kleinen Bunkers, den Han stundenlang zu öffnen versuchte, was eher an ein LARP im Odenwald erinnerte. Außerdem machte er zum Falken ominöse Sprüche (keinen Kratzer, Lando! und Ich habe das Gefühl, dass ich die alte Kiste nie mehr wiedersehe.), die sich als völlig folgen- und bedeutungslos herausstellten. Dramaturgisch unverzeihlich. Der Film hat zwar trotzdem mehrere großartige Szenen, ist aber als Gesamtpaket enttäuschend.

Das Prequel Episode 1 habe ich erst angesehen, als es im TV lief. Die beim Kinostart wenigen negativen Rezensionen wirkten auf mich nämlich ausgesprochen überzeugend.
Inzwischen habe ich alle drei Prequels gesehen: langweilig, undurchdacht, unlogisch, überraschungslos, überflüssig.

J.J. Abrams’ Weiterführung der Serie, Star Wars VII - Das Erwachen der Macht, eine Auftragsarbeit des Disney-Konzerns, der in den kommenden Jahren das Star-Wars-Franchise nach Marvel-Art mit einer Vielzahl von Filmen melken wird, ist mindestens genauso missraten wie die Rückkehr der Jedi-Ritter und erzählt darüber hinaus nicht mal eine eigenständige Geschichte, sondern würfelt Teile der erfolgreichen ursprünglichen Trilogie zusammen.

Ein kleiner Roboter hat einen wichtigen Plan gespeichert, welcher den guten Rebellen helfen und dem bösen Imperium schaden kann, und wird von einem der Guten auf einem Wüstenplaneten abgesetzt. Unsere Heldin findet den Roboter, und reist mit Helfern zu den Rebellen, wo zwischendurch ein Todesstern des Imperiums vernichtet wird und eine wichtige Figur ihr Leben lässt, bevor man sich zum im Plan gekennzeichneten Planeten aufmacht, wo man auf einen bislang versteckt gebliebenen Protagonisten trifft. Alles weitere dann in Teil VIII in zwei Jahren.

Abrams kann Filme machen, das beweist er immer wieder: Er hat ein Händchen für gute Darsteller; Ausstattung, Schnitt und Licht sehen extrem gut aus. In seinen Actionszenen kann man normalerweise sehen, was passiert. Leider ist er ansonsten brunzdumm und kann nur nachäffen (und manchmal hochglanzpolieren), was andere vorgemacht haben, ohne zu verstehen, was den Kern des Vorbilds ausmacht. Seine Drehbücher (es ist mir egal, wer sie laut Credits geschrieben hat – alles, woran Abrams arbeitet, hat dieselben Drehbuchprobleme, von Cloverfield vielleicht mal abgesehen), seine Drehbücher also bestehen aus einer Abfolge von „geilen“ Szenen, die nur durch Zufälle oder völlig unlogisch verknüpft sind. Um davon abzulenken, dass sich keine zwingende Handlung aus Ursache und Wirkung ergibt und dass oftmals jegliche Motivation fehlt, ist alles in ständiger Bewegung. Schnelle Schnitte, rennende Protagonisten, umherzischende Kamera oder hektische Action lassen den Zuschauer atemlos zurück. Eigentlich interessante Wendungen sind bloße Behauptung und nicht nachvollziehbar: Wenn der Oberbösewicht in Das Erwachen der Macht als zwischen gut und böse zerrissene Figur dargestellt wird, versteht man nicht, was die Ursache dafür ist. Man kennt die Situation aus anderen, besseren Filmen und das muss reichen (der großen Masse an Rezipienten und Rezensenten reicht das anscheinend auch).

Wer hofft, dass die weiteren Teile schlüssige Erklärungen liefern, der attestiert dem Film damit zuerst einmal Unvollständigkeit. Er sollte aber auch an andere Machwerke von Abrams denken: Entweder muss man sich die unglaubwürdigen Erklärungen aus anderen Medien holen (Comics zum Beispiel, so war das bei Star Trek 09) oder sie bleiben einfach aus. 

Eine wichtige Figur in Das Erwachen der Macht ist bereits zu Filmbeginn in einem Versteck und muss gefunden werden. Warum? Bleibt unklar. Warum führt eine Karte, deren verschiedene Teile erst gefunden werden müssen, zu dessen Versteck? Wer hat die Karte warum (und warum in Einzelteilen) versteckt? Bleibt unklar. Warum ist die Rebellion, die doch vor dreißig Jahren den Sieg gegen das Imperium eingefahren hat, wieder völlig am Boden? Sie nennt sich jetzt Resistance, handelt im Verborgenen und muss beim Angriff auf den Todesstern (Starkiller) mit geringsten Mitteln auskommen. Auch unklar. Wie konnte das Imperium, das sich jetzt Erste Ordnung nennt, heimlich (?) wieder zu solcher Stärke heranwachsen? Unklar. Wie kann jemand, der gerade erst die Macht in sich entdeckt hat, diese sofort nahezu in Perfektion nutzen? Unklar.

Nein, das alles ist in gewisser Weise natürlich nicht unklar: Es geht darum, eine Story in Gang zu setzen und coole Situationen zu erzeugen und nur deshalb gibt es all diese Versatzstücke. Motivationen muss man lediglich auf Seiten der Macher suchen, dort wird man fündig.
Die zusammengeklöppelten Handlungsfäden lassen einen emotional unberührt, selten spürt man, was auf dem Spiel steht, was die Figuren antreibt. Sie tun es einfach. Wem es reicht, Altbekanntes zu entdecken und über zugegeben ganz flotte Sprüche zu lachen (denn auch das beherrscht Abrams), der wird wohl gut unterhalten werden, wer aber eine neue Geschichte erwartet hat (auch im Bereich der märchenhaften Geschichten gäbe es genug Möglichkeiten) und wer auf reizvolle Figurenentwicklungen hofft, der wird im besten Fall mit den Schultern zucken und sich sagen: Naja, es war besser als die Prequels.

Und was mir wirklich sauer aufstößt bei diesem Star-Wars-Film ist die weitgehende Abwesenheit des Weltraums – Raumschiffkämpfe finden fast ausschließlich in der Atmosphäre von Planeten statt – bzw. das bei Abrams fehlende Verständnis für die einfachsten physikalischen Grundlagen. Zugegeben, bei Star Wars kann man es mit der Physik nicht so genau nehmen, aber dass offenbar alles, was im All passiert, sofort und ohne Hilfsmittel von anderen Planeten aus durch einen Blick in den Himmel beobachtet werden kann, hat Kleinkinderbuchqualität. Wie der Umstand, dass fast jeder jeden schon mal getroffen hat, bzw. alle wichtigen Figuren mehr oder weniger nah verwandt sind, sorgt so etwas dafür, dass dieses Universum kleiner statt größer wird, etwas, was auch die Prequels leider erreicht haben.

Nee, nee, das war nix. Denke ich jedenfalls, denn das alles da oben beruht bloß auf Sichtung der Trailer und aus einer Handvoll Rezensionen, die ich Mitte Dezember gelesen habe: Ich werde mir Das Erwachen der Macht erst antun, sobald man den Film für kleines Geld streamen kann. 

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