Samstag, 27. Juni 2015

The Game

❞Fast ganz gut!❝

Tja, wäre die 9 mal nach der 19 gekommen,
dann hätte man vielleicht noch was retten können.
Hier sind 98 Karten, durchnummeriert von 2 bis 99. Die mischen wir und geben jedem 6 davon auf die Hand. Reihum legen wir die jetzt so auf vier Kartenstapeln ab, dass auf zwei Kartenstapeln erst hohe, und dann immer kleinere Kartenwerte liegen, auf den zwei anderen Stapeln ist das genau umgekehrt.

Damit man sich das merken kann, gibt es zwei Karten, die die Aufschrift 100 tragen, und neben denen man immer kleiner werdende Werte ablegen muss, und zwei Karten mit der Zahl 1, neben denen man halt immer größere Werte ablegen muss.

Wer an der Reihe ist, MUSS MINDESTENS 2 Karten aus seiner Hand nach diesen Regeln auf einem oder mehr Stapeln ablegen und sich dann entsprechend viele neue Karten ziehen.
Schaffen wir es, alle unsere Karten loszuwerden, haben wir gewonnen, ansonsten gewinnt das böse dreinblickende Spiel. So, wir können anfangen. Ach so, zwei Kleinigkeiten noch:
Wir können jeden Stapel um zehn Karten zu unseren Gunsten „zurücksetzen“, wenn wir eine Karte darauf legen, die sich um genau 10 von der aktuell oben liegenden unterscheidet.

Und: Offen reden dürfen wir nicht miteinander über unsere Karten.

Also keine wie auch immer verklausulierten Hinweise auf Zahlenwerte, nur Hinweise auf „da bitte nicht anlegen, da könnte ich nämlich gleich fast ganz gut was tun“, verbunden mit heftigen Grimassen und Zuckungen, wenn sich später herausstellt, dass man - unter „fast ganz gut“ etwas völlig anderes versteht als der Angesprochene, der seinerseits viel günstiger hätte anlegen können. Tjaja, hätte, hätte … Nachher ist man bei so einem patienceartigen Spiel immer schlauer, vor allem, wenn eine Partie damit endet, dass die Gruppe nur noch eine einzige Karte auf der Hand hat, die nicht mehr abzulegen ist. So ein Ergebnis ist übrigens mehr als fast ganz gut: Alles bis zu zehn Karten kann man, vor allem zu mehr als zwei Spielern, als kleinen Erfolg ansehen.

Zu zweit und als Solopartie ist The Game ebenfalls spielbar (man hat mehr Karten auf der Hand) … dann wird es aber stärker zu einer normalen Patience und gute Spielergebnisse sind deutlich einfacher zu erringen. Die Zweierversion gefällt mir trotzdem gut, aber erst mit mehr Spielern kommt der wahre Genuss (vor allem, wenn man auf Kraftausdrücke am Tisch steht). Immer wieder entstehen durch den Zwang, gleich 2 Karten ablegen zu müssen, ganz, ganz üble Situationen in der Kartenauslage. Da macht ein Stapel einen Riesensprung von 32 auf 86 und alle hoffen und bangen, dass irgendjemand in der Lage sein wird, den Stapel durch die Rücksetzregel wieder ein wenig nützlicher zu gestalten. Eine Hoffnung, die sich aber nur selten erfüllt. Ist der Nachziehstapel alle und das Spiel noch nicht vorbei, muss nur noch mindestens 1 „Zwangskarte“ abgelegt werden, das Endspiel wird dadurch ein bisschen einfacher. Trotzdem habe ich in jetzt bei Partien in verschiedener Besetzung noch keinen perfekten Erfolg (alle Karten abgelegt) erlebt. Entweder schaffen wir es, dass nur noch eine einzige Karte übrig bleibt oder wir bleiben gleich auf einem ganzen Haufen Karten sitzen.

Klar, dass die Kartenverteilung sehr darüber entscheidet, ob bzw. wie gut eine Partie gegen das Spiel lösbar ist. Das muss man wissen und das muss man akzeptieren, sonst wird man mit The Game sicher nicht warm.

Ob es Spiel des Jahres 2015 wird? Nominiert ist es zwar, aber es liegt im Spielgefühl doch ein wenig beim früheren Gewinner Hanabiobwohl es natürlich eine eigenständige Idee hat und auch viel lockerer spielbar ist. Naja, wer weiß, die Jury ist immer wieder für Überraschungen gut. 

Natürlich könnte man The Game ganz einfach zum Beispiel durch Sechs nimmt! ersetzen (einfach die Karten 1 und 100+ rausnehmen und die vier Ablagekarten irgendwie improvisieren). So haben wir unsere Erstpartien tatsächlich auch zunächst bestritten (dabei ist mir zu meiner Zufriedenheit aufgefallen, wie angeranzt die Kanten der Karten unseres Sechs nimmt! bereits waren – das haben wir echt oft gespielt).

Bereits nach der ersten simulierten Partie hatte ich aber sofort das Originalspiel The Game bestellt – zum einen ist es fair, eine so gute Spielidee zu belohnen, zum anderen waren die „Ersatzkarten“ für einen problemlosen Spielablauf ja doch etwas irritierend, mit ihren unterschiedlichen Farben und Hornochsen. Die simple und effektive, leicht makabre Gestaltung des Originals gefällt mir gut.

Die leicht erklärten Regeln, die kurze Spieldauer, die hochkochenden Emotionen am Tisch fordern zu immer neuen Partien auf, daher bin ich mir sicher, dass die Karten von The Game bei mir innerhalb kurzer Zeit auch recht verschlissen sein werden.

Einstieg eher locker Die Spielregel ist superschnell erklärt und verstanden. Manche tun sich schwer, auf konkrete Hinweise zu verzichten – aber überraschenderweise ist das Spiel auch dann nicht sofort supersimpel zu knacken. 

Spielreiz sehr gut Nicht fast ganz gut, nein: sehr gut. Steht ja eigentlich alles oben: Gehört in jede Spiele- oder Urlaubs-Mitnehmspielesammlung. Bei einer Partie bleibt es normalerweise nicht.


Otto-Normalspieler-Empfehlung Kapiert jeder sofort. 





The Game - Spiel… solange du kannst von Steffen Benndorf
für 1 bis 5 Spieler
Nürnberger-Spielkarten-Verlag, 2015

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