Montag, 9. März 2015

ZDF-Samstagabendshow: Das Spiel beginnt

❞Wetten, dass das Spiel bald aufhört?❝


Live konnte ich die neue Samstagabendshow des ZDF auf dem Sendeplatz von „Wetten, dass?“ nicht sehen (aber das konnte genau genommen fast niemand, siehe unten). Die Ursache meiner jetzt gut zweimonatigen Spieleabstinenz und der daher vergleichsweisen Ruhe in diesem Blog hatte just an diesem Abend (Test)Premiere, womit ich seit Sonntag endlich wieder etwas Zeit habe – und so bemühte ich am Sonntagabend die ZDF-Mediathek und habe mich tatsächlich ohne Vorspulen komplett durchgequält. Ach Quatsch, so schlimm war es gar nicht.

Damit bin ich natürlich mit meiner Besprechung des Formats (einer Gesellschaftsspiel-Show, in der Kinder gegen Erwachsene antreten) wieder mal viel, viel zu spät dran: Alle anderen haben schon Stunden nach der Ausstrahlung darüber geschrieben, und fast immer kein gutes Haar dran gelassen. Ich kann mich der meistens herben Kritik der Medien und Twitter-Kommentatoren jedoch nicht so ganz anschließen (ich bekrittele teils ganz andere Sachen), war die überwiegende Zeit ganz gut unterhalten, halte das Konzept aber trotzdem für kaum zu retten.

Verstanden habe ich, dass ein Kinderteam gegen ein (Prominenten-)Erwachsenenteam in diversen mehr oder weniger etablierten Brett-, Karten- bzw. Aktionsspielen antritt. Ja, das kann man so machen, man könnte aber auch (Promi-)Familien an den Spieltisch setzen oder … 

Verstanden habe ich nicht, worum es eigentlich geht: Was zum Teufel hätten denn die Promis bekommen, wenn sie gewonnen hätten? Den Kindern wurden „Wünsche“ erfüllt, über die man zu Beginn jedoch nichts weiter erfahren hat. Reicht es wirklich, wenn man lediglich mitfiebert, ob nun die Kinder oder die Erwachsenen gewinnen? Wenn die Punktvergaben und Spielstände zwischen den Einzelspielen so ultrawichtig sein sollen, sollte das irgendeinen Zweck haben, den ich als Zuseher nachvollziehen kann.

Verstanden habe ich die Spielauswahl: Viele ins Standardrepertoire von Familien übergegangene Spiele, die nicht groß erklärt werden müssen, ein paar „Neuheiten“, die den einen oder anderen vielleicht dazu bringen, sich mal intensiver mit dem Brettspielangebot auf dem Markt auseinanderzusetzen. Die Auswahl war gut, die Umsetzung weitgehend gelungen. Das könnte unserem Hobby vielleicht noch etwas mehr unter die vergleichsweise dünnen Ärmchen greifen und hoffentlich auch mehr Spieler heranzüchten, die dann auch mal über den Tellerrand der wirklich absolut simplen Spielideen blicken.

Verstanden habe ich nicht, warum Johannes B. Kerner die in gut gemachten Einspielfilmen erklärten Spiele dann umgehend noch einmal erklärt.

Verstanden habe ich, dass die eigentlich tischgeeigneten (aus Werbeverbotsgründen anonymisiert dargestellten) Brettspiele in adäquater, arenageeigneter Form umgesetzt werden mussten.

Verstanden habe ich nicht, warum das Redaktionsteam und die Bildregie anscheinend fast nichts vorher durchdacht, geprobt oder ausprobiert hatten:

  • Da gibt es einen Würfelturm, in dessen Auffangschale fast kein Riesen-Schaumstoffwürfel liegen blieb (sondern lieber munter durchs Studio kullerte).
  • Da gab es bei jedem Spiel Punkte zu gewinnen, die aber durch ihr Auswürfeln theoretisch zwischen eins und sechs hätten schwanken können, was bei zehn Spielen zu einer fürchterlichen Verzerrung führen kann (die dann beim Schluss-Spiel ad absurdum geführt wurde, weil dessen Punkte letztlich über alles entschieden).
  • Da gab es eine nicht nachzuvollziehende Auswahl der Spielkandidaten pro Spiel, bei der dann z.B. ein Österreicher deutsche Fußballfragen beantworten und die farbenblinde Veronika Ferres farbige Bauklötze stapeln musste. Das ist nicht witzig, das ist eine gedankenlose Gemeinheit.
  • Da gab es vorzulesende Quizfragen, die die ohnehin arg überforderte zwölfjährige Kindermoderatorin Emma Schweiger nicht verständlich vom Tablett ablesen konnte (man hätte ihr ausschließlich die einfacheren Kinderfragen überlassen und sie mal üben lassen können).
  • Da gab es Spiele, bei denen das Mitfiebern des Fernsehpublikums nur dann gut funktioniert hätte, wenn man ihm einen gewissen Überblick verschafft. Bei Halli Galli war das erfüllt, bei Memory dagegen kaum, weil die Kamera dauernd in Bewegung war, ständig geschnitten wurde und der Überblick über die Kartenauslage selten einheitlich und umfassend war.

    He, liebe Bildregie: wenn bei Mikado jemand ein Stäbchen nimmt, will ich sehen, ob der Rest wackelt - und zwar jedes Mal!


    Und, liebe Regie, schaut euch doch mal zur Übung beim Laufband-Spiel der Uralt-Sendung „Am laufenden Band“ an, was da im Bildausschnitt passiert (nämlich nichts: wir sehen mehr oder weniger exakt das, was auch der Kandidat erlebt – nur so können wir am TV wirklich "mitspielen").


    Oder nehmen wir Make ’N Break, das Bauklötzchenstapelspiel: Ihr seid tatsächlich nicht fähig, Vorgabenkarte und Bauwerk des Kandidaten so im Bild zu zeigen, dass wir nachvollziehen können, wie gut oder schlecht es vorangeht?


    Ihr seid außerdem nicht fähig, uns bei genau diesem Spiel die (eigentlich extrem gut gelungene) optische Punktezählung auf dem Studioboden so ins Bild zu setzen, dass wir sie an der Glotze sofort als solche erkennen und kapieren?


    Hier könnte ich noch ein Dutzend weiterer Punkte für redaktionelles Versagen anbringen – nur den auf ungewöhnliche Weise „platzenden“ Luftballon beim Spiel „Bumm Bumm Ballon“ kreide ich dem Team jedoch nicht an – das passiert bei Ballons halt wirklich extrem selten. Die salomonische Lösung von Kerner, beiden Mannschaften die Punkte zu geben, war jedoch leicht unbefriedigend, denn das Ding ist nun mal beim Einsatz der Kinder kaputt gegangen.

Verstanden habe ich, dass die Erwachsenen durchaus versucht waren, die Kinder gewinnen zu lassen, bemerkt hat man davon aber eher nichts. Das fand ich angenehm.

Verstanden habe ich auch, dass die Kinder von der recht abgebrühten Sorte waren, was teils als ziemlich unverschämt und rüde rüberkam (ich fand das weitgehend eher erfrischend). 

Verstanden habe ich nicht, warum nicht ein solches Kind Komoderator für den Kerner gewesen ist. So eins hätte die verstockte, etwas planlos und wenig souverän wirkende Emma Schweiger vermutlich locker in die Tasche gesteckt.

Verstanden habe ich, dass die Sendung aufgezeichnet werden musste, weil bei drei Stunden Sendezeit die 22-Uhr-Schwelle überschritten wurde, ab der Kinder nicht mehr in Livesendungen auftreten dürfen.

Verstanden habe ich auch, dass man die Sendung daher mit nicht noch mehr Unterbrechungen in die Länge zieht (ein längerer Komikerauftritt, eine Nena-Gesangseinlage, alles recht wenig). Nebenbei: Nena kam als Helferin der Kinder wirklich sympathisch rüber (ich mag die als Person sonst eigentlich nicht, bin höchstens davon fasziniert, dass sie seit den 90er Jahren scheinbar nicht mehr altert), auch Kerner ging mir nicht sonderlich auf die Nerven und versuchte einigermaßen diplomatisch mit Emma Schweigers Versagen umzugehen (das ich wiederum eher fehlenden Proben und fehlender Regie-/Redaktionsarbeit zuschreibe). Die beiden Promis Kostja Ullmann und den Österreicher Hans Sigl kannte ich zuvor nicht (ich schaue seit einem Jahrzehnt fast nie reguläres TV), aber Hans Sigl sollte wirklich Showmoderator werden. Ein sehr cooler, witziger Typ*.  

*mit dieser Einschätzung bin ich zwar nicht allein, aber in der Minderheit, weil seine leicht grantelnde Selbstironie offenbar von den meisten Kritikern nicht verstanden wurde

Verstanden habe ich jedoch nicht, dass man an diesem Sendeplatz auf „Live“ verzichtet. Für mich war das früher immer ein Hauptgrund, so eine Sendung einzuschalten.

Was ich vor allem verstanden habe: wo die Stärken von Schlag den Raab liegen - einer sehr gut vergleichbaren Sendung, die fast alles besser und spannender macht, was ich hier bekrittelt habe.

Ich glaube, dass die Kerner-Show, mehr oder weniger wie sie ist, jedoch kürzer, besser im sonntäglichen Nachmittags- oder Abendprogramm aufgehoben wäre, wirklich samstagabendgeeignet würde sie bloß mit kräftigen Änderungen.

Bei Familien mit Kindern dürfte das zwar gut angekommen sein, die Quoten waren auch halbwegs okay, sie werden aber schon in der nächsten Sendung, falls es überhaupt eine gibt, deutlich einbrechen und dann hören wir nichts mehr davon. Wetten, dass?

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