Mittwoch, 11. Februar 2015

Team Work

❞Warum liegt … Stroh!❝

Ein gutes Partyspiel kennt feste Regeln, hat einen klaren Ablauf und eine klare Punktevergabe oder Siegbedingung, und es zeichnet sich dadurch aus, dass diese Dinge nach ein paar Runden keinen mehr wirklich interessieren. Der Spaß in vorzugsweiser großer Grunde ist so ungeheuer, dass Punktezählen fast völlig in den Hintergrund gerät. Jedenfalls ist das meine feste Überzeugung. Team Work, dem eine ebenso banale wie geniale Spielidee zugrunde liegt, gehört zu diesen Spielen. Außerdem muss ich mal eine Lanze für Dolly Buster brechen. Hm, das klingt jetzt irgendwie falsch … 

Man zieht eine der über sechzig Karten des Stapels, sucht sich einen der sechs Begriffe auf der Karte aus (die Karten sind beidseitig in vier Sprachen bedruckt), und zwar entweder durch Auswürfeln oder durch Abstimmung. Zusammen mit seinem Sitznachbarn sieht man sich den Begriff an und erklärt ihn nach den klassischen Regeln (klassisch: man darf den Begriff in der Erklärung selber nicht benutzen und auch keine Ableitung seiner Wortbestandteile; den gesuchten Begriff Stein dürfte man also nicht mit „steinhart“ beschreiben).

Sobald ein anderer Spieler in der Gruppe glaubt, den Begriff zu kennen, ruft er ihn aus. Wars richtig, bekommt er die Karte als Punkt, wars falsch, wird weitergeraten. Wenn man keine Lust mehr hat, weiterzuspielen, gewinnt der Spieler mit den meisten Karten.

Nee, natürlich sind die Originalregeln subtil anders. Das schert mich aber nicht, denn wir spielen es immer so. Was wir nicht verändern, ist der eigentliche Kniff des Spiels und Namensgeber: Beide Spieler, die den Begriff kennen, erklären ihn gemeinsam. Ohne sich vorher abzusprechen, beginnt einer den Erklärsatz mit einem Wort, der andere muss ihn mit dem nächsten Wort fortsetzen und so weiter. Dabei muss ein (bei uns) halbwegs grammatisch korrekter Satz entstehen, der im Idealfall den gesuchten Begriff so genau beschreibt, dass die übrigen Spieler ihn erraten können.

Was vordergründig ein einfaches Wortratespiel ist, wird durch die Schwierigkeit, unabgesprochen einen sinnvollen Satz zu bilden, zur unterhaltsamen Sache – für die beiden Erklärer und noch mehr für die Ratenden. Die Erklärungen mäandrieren oftmals nahezu sinnlos herum, die Antworten werden häufig laut durcheinander gebrüllt, sodass es schwer fällt, sie auseinanderzuhalten, manchmal geben die Erklärer (unerlaubte) Tipps (kalt, heiß, jaja, fast, …) Ich brauche das wohl nicht weiter auszuführen: Ähnlich wie beim Spiel-des-Jahres-Preisträger Hanabi zerfasert die Spieldisziplin bei manchen Gruppen in ein ziemliches Chaos - aber was soll’s, wenn’s doch Spaß macht? Und das macht es.

Weil Teamwork – völlig zu recht – eine Art Klassiker darstellt, gibt es inzwischen eine ganze Reihe Themensets. Ich spiele besonders gerne „Religion“ - was drei einfache Gründe hat:

  1. Ein Großteil unseres Bekanntenkreises hat mit Religion nicht viel am Hut.
  2. Es ist außer dem Grundspiel das bisher einzige weitere Set, das ich besitze.
  3. Trotz über dreihundert Begriffen und trotz Punkt 1 ist überraschenderweise selten etwas dabei, von dem man noch nie etwas gehört hat.

Themensets haben trotz der im Schnitt etwas höheren Schwierigkeit für die Erklärer, saubere Erklärungen zu basteln, den großen Vorteil, dass man als Ratender ja das Thema kennt und damit normalerweise schon mal nicht in eine völlig falsch Richtung denkt (meistens jedenfalls).


Wie immer spoilere ich hier nicht: 
Diese Beispiel-Karte ist reine Fantasie 
und einem kranken Photoshop-Geist 
entsprungen.
Dass der Autor hinter der Team-Work-Reihe, Michael Andersch, eher anspruchsvolle Spiele präferiert und die leichte Kost fast immer sehr hart abstraft (bei Hall 9000 nachzulesen), ist verblüffend. Diese lockere, spaßige und zeitlose Idee hätte ich ihm nie zugetraut. Andererseits ist die Idee auch ein bisschen banal und wirklich nichts Neues:

Wir haben dieses Wortspiel schon vor zirka vierzig Jahren auf Geburtstagspartys gespielt, mit zuvor ins Ohr geflüstertem Begriff (der bereits dabei gerne missverstanden wurde, was zu weiterer Belustigung führte; erlernt hatten wir das Spiel im Schulunterricht, wo es als Sozialspielchen benutzt wurde). Nix Neues also, man kann eine ähnliche Schöpfungshöhe attestieren wie beim „Stille-Post-Malen“ oder beim „Lexikonspiel“, beides traditionelle Klassiker, die es inzwischen längst als „verschachtelte“ Kaufversionen gibt.

Lohnt es sich also trotzdem, Team Work zu kaufen? Ja, unbedingt! Ich schwöre, dass es in jeden Spielerhaushalt gehört - am besten in der Grundversion und je nach Vorliebe mit mindestens einer Sonderversion („Religion“ ist erstaunlicherweise fast universell nutzbar, „Mathematik“ dagegen viel zu sehr auf echte Kenner der Materie zugeschnitten – die anderen kenne ich nicht). Die sechs Begriffe sind immer nach gefühlter Schwierigkeit sortiert und so kann man das Spiel den Mitspielern anpassen (Jüngere kommen mit den Worten eins bis drei normalerweise gut klar, Ältere sollten eher zu einem der Worte vier bis sechs greifen). Natürlich kann man den Begriff auch auswürfeln (ein Würfel liegt nicht bei, sollte sich aber in jedem Haushalt finden lassen).
Wer richtig rät, kriegt die Karte als Punkt, wenn jeder Xmal erklärt hat, ist das Spiel vorbei. 
Die Gruppengröße ist nahezu beliebig, die Spielregelerklärung dauert weniger als eine Minute und um die Originalregeln sollte man sich meiner Meinung einen feuchten Kehricht scheren, wenn man den maximalen Spaß haben will.

Ah, die Lanze:
Es war Ende der Neunziger bei der Neuauflage der TV-Sendung „Dalli Dalli“. Die Sexfilmproduzentin und -darstellerin Dolly Buster, die damals in sämtlichen TV-Sendungen herumgereicht wurde, war eine Kandidatin und musste zusammen mit ihrem Partner (irgendeinem König) das Wort „Gartenzwerg“ erklären … in einer Mischung aus „Team Work“ und „Ich-packe-meinen-Koffer“ (abwechselnd musste immer der ganze Satz wiederholt und ein Wort hinzugefügt werden).
Als beide bis zu „Ein - Gartenzwerg - ist - klein - und - hat“ gekommen waren, verstand Dolly Buster, die ja genau wie Doctor Doom aus Latveria* stammt und daher des Deutschen nicht so ganz mächtig ist, sie verstand also statt „hat“ das Wort „hart“ und setzte den Satz mit „und“ fort. Ihr mit Akzent gesprochenes „Ein Gartenzwerg ist klein und hart und“ war also im Grunde völlig in Ordnung, wurde aber vom Partner wiederum nicht verstanden („und hat und – hä?“), so dass der Erklärsatz ab dann völlig in die Binsen ging. Das natürlich zur großen Freude des Publikums und Moderators, die sich darin bestätigt sahen, dass die Frau Buster im Oberstübchen nicht so mächtig gut ausgestattet ist. Das fand ich unfair und gemein. Gerne hätte ich mich hinter sie gestellt und schützend meine Arme um sie gelegt, … aber lassen wir das …

*Latverier, obwohl aus dem Ostblock stammend, haben dem Anschein nach immer englisch klingende Namen

Einstieg eher locker Extrem einfache Spielregel, allerdings sollte man die Beschränkungen (Satzlänge etc.) eher weglassen und der jeweiligen Stimmung anpassen. 

Spielreiz sehr gut Manchmal klappt die Erklärung der beiden aktiven Spieler reibungslos, meistens gibt es jedoch witzige Abstimmungsprobleme und manchmal genügen zwei, drei Worte und schon hat jemand die Lösung („Warum-liegt…“ – „Stroh!“). Ab sechs, sieben Leuten macht es jedenfalls immer Spaß. Länger als 20 bis 30 Minuten pro Abend trägt es zwar meistens nicht, aber man hat immer wieder Lust drauf.


Otto-Normalspieler-Empfehlung Aber sowas von! Außerdem eins der wenigen Spiele, bei denen sogar sonst eingefleischte Spielverweigerer mit gewissem Ehrgeiz mitgemacht haben. 

Team Work von Michael Andersch (Originalspiel und viele Themenausgaben)
4 (besser mehr) bis fast beliebig viele Spieler

Adlung Spiele, seit 2004

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