Freitag, 20. Februar 2015

A la carte

❞Verwürzt nochmal!❝


Schon wieder so’n alter Hut? Ja, so wie es aussieht, komme ich noch wochenlang nicht mehr zum (Brett)spielen, also muss das Archiv dran glauben. Immerhin kann man A la carte immer noch im gut sortierten Einzelhandel erwerben, immerhin war es 2010 auf der Auswahlliste zum Spiel des Jahres und immerhin ist es ein wirklich sehr gutes Familienspiel. Und das beste: obwohl es ums Kochen geht, blickt einem von der Schachtel weder Lafer noch Lichter noch Melzer entgegen.

Noch eine weitere Anmerkung in eigener Sache: Dass ich am Entstehungsprozess der Neuauflage beteiligt war*, soll niemanden dazu verleiten, dies hier für Reklame zu halten. Ich habe inzwischen auf die eine oder andere Weise an dicke über 100 Spielprojekten mitgearbeitet - und nicht alle fand ich gut oder sehr gut. Wenn ich mit einem Projekt verknüpft war, über das ich nichts Gutes schreiben könnte (oder nichts Sinnvolles, denn nicht jedes an und für sich gute Spiel spiele ich auch mit Begeisterung), dann schweige ich in diesem Blog einfach. Jedenfalls meistens. Meine Begeisterung für A la carte ist ehrlich.  

Eigentlich ist A la carte schon über 25 Jahre alt: 1989 praktisch handgemacht in Karl-Heinz Schmiels Kleinverlag Moskito erschienen, entpuppte es sich als Dauerbrenner. Und dass, obwohl es eher untypisch für Schmiels sonstige Erfindungen ist, die eher die ausgeklügelte, höchst anspruchsvolle Schiene bedienen.
Alt und neu. In der Neuauflage ist alles
größer, bunter oder besser – bis auf die Versauten
Gerichte
, die einem schnöden Müllschlucker
zum Opfer gefallen sind (und die niedlich verkorkten
Kaufladenflaschen sind natürlich nicht zu toppen).

Schmiel hätte A la carte gerne noch bis in die frühen 2000er Jahre verkauft, aber die Pleite eines Kinderkaufladenherstellers machte ihm einen Strich durch die Rechnung: Die asymmetrischen kleinen Gewürzfläschchen, die er von diesem bezog und die im Original mit unterschiedlich farbigen und geformten Spielsteinchen gefüllt waren, konnten durch nichts ersetzt werden - andere Behälter funktionierten einfach nicht: entweder verklemmte sich das Material beim Ausschütten oder es fiel immer viel zu viel auf einmal heraus.

Der Heidelberger Spieleverlag ging 2009 das Risiko ein, dieses sehr materialintensive und damit teuer zu produzierende Spiel neu aufzulegen. Es hat sich gelohnt, vermutlich für alle Beteiligten. In der Schachtel befinden sich nicht nur vier kleine Kasserollen aus Metall, sondern auch vier eigens neu für das Spiel hergestellte Kunststofffläschchen, die mit unterschiedlich gefärbten, unregelmäßig geformten Plastiksteinchen gefüllt werden. Dazu gibt es noch einen Spezialwürfel und einen Haufen Pappmaterial, aus dem man unter anderem vier kleine Gasherde mit Kunststoff-Regelknebeln zusammenbauen muss (dass man beim Zusammenbau eine Zange braucht, ist kein Witz: die Knebel sind – jedenfalls in Erst- und Zweitauflage – nur mit ungeheurem Druck zusammensteckbar). Anders als bei der Urversion liegen auch drei kleine Kochlöffel bei – der Wunsch war, bezahlbare aus Holz zu bekommen, aber das hätte die Herstellungskosten gesprengt. Sie sind auch aus Pappe.

Was passiert, sobald jeder seinen kleinen Gasherd mit Pfännchen darauf vor sich stehen hat? Aus den vielen Rezeptkärtchen (mit bedenklich klingenden Speisen) nimmt sich der aktive Spieler eines, legt es – Rezeptseite nach oben – in seine Pfanne, und hat jetzt drei Aktionen zur Verfügung, die er meistens zum Würzen nutzt.

Sieht das Rezept vor, dass 1 Zitrone und 2 Paprika zum Abschmecken der Mahlzeit benötigt werden, nimmt sich der Spieler zum Beispiel das Gewürzfläschchen mit den gelben Steinchen (Zitrone) und muss nun mit einer beherzten Bewegung möglichst nur 1 gelbes Steinchen in seine Pfanne befördern (Raustippen oder -schütteln des Steinchens ist nicht erlaubt). Zu allem Überfluss befinden sich in den Fläschchen neben den Gewürzpartikeln auch noch weiße Salzkristalle – und die sollte man ebenfalls vermeiden, denn ein Gericht darf keinesfalls versalzen werden. Klar, dass man vor der Würzbewegung versucht, die Steinchen in eine gute Ausgangslage im Fläschchen zu bringen – aber egal, wie sehr man sich abmüht: oft kommt nichts oder schlicht die falsche Menge heraus. Da ist die Schadenfreude bei den anderen Spielern groß und der Spieler hat eine seiner drei Aktionen verbraucht. Sie werden mit den Kochlöffeln gezählt, die wir in unseren Runden dem aktiven Spieler einfach wegnehmen. Landen in einer Pfanne drei identische Gewürze oder drei Salzkristalle, ist das Gericht verdorben und kommt in den Abfalleimer. Der Spieler muss sich ein neues Rezept nehmen.

Alternativ zum Würzen kann der Spieler als Aktion eine Kaffeepause einlegen (er zieht ein Kaffeetassenplättchen, auf dessen Rückseite eine Aktion abgebildet ist, die ihm entweder sofort oder für später einen Vorteil bietet, jedenfalls meistens) oder er heizt seinen Herd auf die gewünschte Stufe (auch die ist vom Rezept vorgegeben, meistens als Temperaturbereich). Bei dieser Heizaktion wird gewürfelt. Meistens taucht auf dem Spezialwürfel eine Zahl auf, um die die Flamme des Herds höher gestellt werden muss, aber es kann auch etwas Unerwünschtes passieren.

Beim Heizen kann es natürlich auch vorkommen, dass das Gericht anbrennt und ebenfalls in die Tonne wandern muss.
Na, klappt das? Oder wird es ein Fall für die Tonne?

Besonders hübsch ist eine Sonderkochaktion, in der ein Pfannkuchen (das Spiel versucht, ihn uns als Crèpe zu verkaufen) in der Pfanne gewendet werden muss, durch Hochschleudern und Wiederauffangen.

Man merkt schon: ein Strategiekracher ist das nicht gerade, und auch mit reiner Geschicklichkeit kommt man oft nicht weiter (außer beim Pfannkuchenwenden - manche können es sofort und fast blind, andere lernen es nie). Vielmehr ist A la carte ein spaßiges Familienspiel mit einer Menge Schadenfreude und dem hohen Spielreiz des wirklich gelungenen Materials. Man kann es einfach so runterspielen, hat aber auch gewisse Einflussmöglichkeiten (riskiert man ein komplexeres Gericht, das man nicht in einem Zug zubereiten kann und bei dem Aktionen der Mitspieler zum Beispiel die Temperatur zu hoch treiben könnten, oder geht man mit etwas Einfachem auf Nummer Sicher?).

Ziel ist es natürlich, die Punkte für einigermaßen korrekt zubereitete Gerichte zu bekommen (das eine oder andere Gewürzsteinchen zu viel stört nicht), oder im Idealfall sogar Kochsterne zu bekommen, wenn ein Gericht präzise nach der Angabe gelungen ist.

Vielspieler machen hier fast immer gerne einmal mit, zumal eine Parte selten über eine halbe Stunde dauert, aber zu oft darf ihnen A la carte nicht auf den Tisch kommen. Kindern, Familien und dem Typ „verspielter“ Spieler gefällt das Spiel derart gut, dass es immer wieder hervorgeholt wird. Jüngere Kinder spielen zudem gerne völlig regellos (oder mit eigenen, sehr interessanten Regeln) Küche. Sehr empfehlenswert ist die Erweiterung Das Dessert, mit der (neben einer zusätzlichen Art Gerichten, einer in jeder Hinsicht gemischten Gewürzflasche und anderen neuen Spielelementen) vor allem ein fünfter Herd sowie eine weitere Pfanne daherkommt. Bei fünf Personen wird die Wartezeit zwischen den eigenen Zügen jedoch schon recht hoch und die (ohnehin schon geringe) Beeinflussbarkeit des Spiels sinkt.

Einstieg eher locker Die Spielregel könnte zwar etwas knapper und präziser sein, ist aber zu schaffen. Eigentlich sind die Grundregeln simpel und außerdem verträgt das Spiel kleine Regelfehler locker.

Spielreiz sehr gut Wer das auf dem Tisch aufgebaute Material sieht, denkt eher an Spielzeug, will aber sofort mitspielen, wenn er hört, dass es sich um ein Brettspiel handelt. Familien spielen immer gerne mehrere Partien hintereinander, anspruchsvollere Spieler benutzen es eher als gelegentliche Entspannungsübung.


Otto-Normalspieler-Empfehlung Ganz knapp, denn die Spielregel wirkt umfangreich, lässt sich aber, wie gesagt, auch von Familien bewältigen.




A la carte von Karl-Heinz Schmiel
Heidelberger 2009
3 bis 4 (mit Erweiterung auch 5) Spieler

*Ich hab Wochen mit der Suche nach bestehenden Fläschchen verbracht (das beste, was ich finden konnte, waren Hotel-Duschgelflaschen, deren Hersteller aber nicht ausfindig zu machen war; ich habe alle möglichen Materialien für die Pfannkuchen ausprobiert (Kunstleder, Gummi, Stoff); und ich hatte die Idee für den Gasherd (statt Elektroherd) und die grundsätzliche Umsetzung in Pappform. Für meinen Einsatz wurde ich von Kalle Schmiel mit dem allerallerletzten Exemplar der Urauflage des Spiels belohnt (ohne Originalkarton, aber mit weitgehend dem gesamten Inhalt).

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