Dienstag, 14. Oktober 2014

Das große Spiel um 15 %

❞ … ❝

Nur, damit mal wieder eine Ein-Stern-Beurteilung hier landet: Das große Spiel um 15% ist Mist, fast totaler Schrott. Ich habe es in dreißig Jahren zweimal auf dem Flohmarkt entdeckt, also ist wohl nicht davon auszugehen, dass meine Warnung irgendwem nützen wird.

„Fast“ totaler Schrott? Ja, denn immerhin ist die Materialqualität über jeden Zweifel erhaben.


Bei der ersten Flohmarktentdeckung habe ich es sogar gekauft, weil es nur 50 Pfennig gekostet hat und ich dachte, na, vielleicht ist es ja wider Erwarten irgendwie gut oder witzig. 

Witzig war dann aber nur, dass es offenkundig von Ravensburger produziert wurde, weil die Materialqualitäten und -größen (Schachtel, Verarbeitung des Stanzbogens, Spielplan und Tiefzieheinsatz) exakt mit Hase und Igel übereinstimmen. Beim Tiefzieheinsatz war das besonders irritierend, weil der für die Erstauflage von Hase und Igel noch ein Fach für eine Musikkassette hatte, die den Spieleinstieg erklärte. Bei 15% gehörte dort aber nix rein. War halt billiger so, und so dicke hatte es die Gong-Gruppe, ein Zeitschriftenverlag, dessen Werbespiel-Giveaway das war, dann doch wieder nicht. Die Illustrationen sind kompetent und poppig und heute wie damals auch ziemlich langweilig, die Verarbeitung tadellos.

Aber das „Spiel“? Ach je, das war der übliche Mumpitz, den es bis heute zu bestaunen gibt, wenn Leute, deren Brettspielsozialisierung aus Spiel des Lebens und Monopoly und Im Lande der Märchen - ein lustiges Würfelspiel besteht, sich hinsetzen und ein Spiel „entwickeln“, um irgendein Thema rüberzubringen. Erst letztes Jahr durfte ich an einer Design-FH in NRW wieder mal bestaunen, wie das Thema „Fremdenfeindlichkeit und Rassismus“ als Abschlussarbeit in Brettspielform umgesetzt wurde. Optisch: geleckt und gelackt … und spielerisch: Würfle dich zum Ziel, das du mit genauer Augenzahl erreichen musst, und wenn du auf ein Ereignisfeld kommst, ziehe eine der 32 Ereigniskarten mit zum Nachdenken anregenden Texten und setze zweimal aus.
(Namen und Orte wurden von mir unkenntlich gemacht, der Spielablauf ist ziemlich präzise wiedergegeben.)

Zurück zu Das große Spiel um 15%. Die Gong-Gruppe hat das als Präsent für Agenturen und Anzeigenkunden herausgebracht, im Eigenverlag. Daher findet sich auf der Schachtel auch kein Hinweis auf Ravensburger. Spielthema ist die (etwas anrüchige, wenn man drüber nachdenkt) Verhaltensweise von Werbeagenturen, für ihre Kunden Anzeigen zu gestalten und zu schalten, dafür beim Kunden wenig bis gar nichts und beim Verlag viel abzukassieren, halt bis zu 15% der Anzeigenkosten (der Kunde zahlt nur letztere, aber vermeintlich nichts für die Agentur). Jedenfalls war das in den 90ern noch so (wobei ich Fälle kenne, in denen Anzeigenkunden das Fell noch viel, viel mehr über die Ohren gezogen wurde). Inzwischen ist die Luft für Agenturen wesentlich dünner geworden, von 15% träumen die meisten nur noch.

Egal, im Spiel sind es die kleinen, zum Teil tatsächlich leidlich amüsanten Anekdoten aus dem Zeitschriften- und Agenturalltag, die zentrales Spielthema sind. Man würfelt sich über einen Rundkurs, sammelt als Agentur dabei diverse aus der Gong-Gruppe stammende Zeitschriftentitel ein und zieht Ereigniskarten mit diesen Anekdötchen. Das ist jedoch rein würfelgesteuert und auch die Folgen einer Ereigniskarte kommen nicht über die reichlich zufällige Wirkung „Ziehe noch mal“, „setze eine Runde aus“ usw. hinaus.

Solche „Spielideen“ ärgern mich. Bis in die 70er Jahre konnten große Spielverlage so etwas sogar als normales Gesellschaftsspiel auf den Markt werfen, ohne rot zu werden. Beide Seiten, Verbraucher wie Hersteller, wussten es nicht besser. Doch wie gesagt: als Werbespiele tauchen sie auch heute noch immer wieder auf, überall. Wenn sie doch irgendeinen Pfiff besäßen, der als Unterhaltungswert durchgehen könnte  – aber nein ...

Solche Null-Ideen haben (in entsprechender Aufmachung) ihre Berechtigung für die allerkleinsten Mitspieler bis 5, 6 Jahre, bei denen die Herausforderung darin besteht, Regeln zu befolgen und eine erwürfelte Zahl auf dem Spielplan in Bewegung „umzusetzen“, aber über dieses Alter hinaus …? Denke ich da zu elitär? Gibt es Leute, die wirklich nicht mehr wollen und nie über den Tellerrand schauen?

Ja, offenbar gibt’s die – ich habe immer wieder mal neue Leute am Spieltisch, die als erstes nach dem Würfel fragen (dass es nicht-abstrakte Spiele gibt, die ohne Würfel auskommen, ist für die ein erster Schock – und er bleibt nicht der letzte). Aber ich möchte die missionieren, und für gewöhnlich klappt das auch. Es muss ja nicht gleich Twilight Struggle sein.

Einstieg eher locker Die Spielregeln sind simpelst, der Spielablauf hohl bis zur Selbstaufgabe.

Spielreiz, nein, wirklich nicht So etwas kann ich vielleicht als Partygag durchgehen lassen, wenn man dem Jubilar sein Würfelspiel mit lustigen Ereigniskarten aus einem Leben in Übergröße zusammenbastelt, und es einmal zur Gaudi aller Anwesenden spielt, aber sonst ...


Das große Spiel um 15% von N.N.
Gong-Gruppe, 1979
2 bis 4 Spieler

Kommentare:

  1. Hallo Michael,

    I werde nicht das kaufen! Ich hoffe du und deiner Familie gehen alles gut.

    Gruss,

    Jack

    AntwortenLöschen
  2. Hello Jack,

    nice to see you still working on your German. Wenigstens einer, den ich erfolgreich warnen konnte ;)

    AntwortenLöschen