Montag, 16. Juni 2014

Yvio – Tarascon

Leider hast du dein Ei verloren!


Die grüne Tarasce betrat einen großen Gewölbesaal des Tunnelsystems. Der ganze Boden war über und über mit Dracheneiern bedeckt. Unendlich behutsam nahm die Tarasce eins der Eier in ihre Pranken und trug es aus dem Saal hinaus. Sie wusste ganz genau, welchen Weg sie nehmen musste, um zu den Brutkammern zu gelangen.

Doch der Weg war nicht ohne Gefahren. Immer wieder erzitterte das Tunnelsystem, was den Weg beschwerlich machte.

Von den Räumen hielt sich das grüne Drachenwesen fern, doch konnte es nicht verhindern, dass sich ihm ein schwer gepanzerter Ritter auf der Suche nach Ruhm und Ehre in den Weg stellte. Mit wenigen, präzise kalkulierten Krallenhieben machte die Tarasce den Ritter kampfunfähig und setzte seinen Weg fort.

Nun lag sie vor ihr, die große Bruthöhle. Sie ging auf eins der weich gepolsterten, leeren Nester zu und wollte das Ei ablegen. Da glitt sie auf einer Bananenschale aus, die ein unaufmerksamer Bauerntölpel dort verloren hatte. Die mächtige Tarasce schlug der Länge nach hin.

Hinter einigen Stalagmiten sprangen plötzlich ein blauer, ein gelber und ein roter Drache hervor, die feixten: „Nänänänänänäähh, du hast dein Ei verloren! Duuh musst zurückgehn, duuh musst zurückgehn!“

Genauso kommt es einem vor, wenn man die Spielanleitung zu diesem Spiel für die elektronische Yvio-Konsole liest: Was wie eine großartige, nicht auf den ausgetretenen Fantasy-Pfaden wandelnde, ernste Spielstory wirkt, driftet zusehends in eine bemüht witzig-saloppe Schreibweise ab, die sich schon fast unangenehm platt bei Monty Pythons Ritter der Kokosnuss bedient. Außerdem hätten die Macher auch dringend einen Korrekturleser gebraucht.

Jetzt könnte man einwenden, dass man für Yvio-Spiele ja gar keine Anleitung lesen muss, denn schließlich erklärt die Konsole einem alles. Nicht bei Tarascon. Das Spiel ist, für Yvio-Verhältnisse, äußerst komplex. Die Spielregel muss also gelesen werden - und dennoch bleiben manche Details im Dunkeln (was bedeuten bestimmte Symbole/Farben auf den Spielplättchen? Warum verliere ich so oft gegen Gegner X?).

Worum geht es in Tarascon? Es ist ein untypischer Vertreter der Gattung Fantasy-Spiel, mit ähnlichen Versatzstücken, wie man sie aus Brettspielen wie Runebound, Heroquest, Dungeonquest (Drachenhort) oder Talisman und Dutzenden anderen kennt. Man besitzt in diesen Spielen meistens einen Helden mit bestimmten Anfangsfähigkeiten, die man im Spiel durch bewältigte Aufgaben oder das Finden von nützlichen Gegenständen verbessern kann. Es gibt eine oder mehrere Hauptaufgaben, die man vollenden muss, sowie viele kleine Kämpfe und Zwischenaufgaben, denen man sich stellen kann.

Tarascon hat enorm viele dieser Kämpfe und Zwischen-Questen, die zwar von wenigen Sprechern, aber mit genug Professionalität und Abwechslung produziert wurden – es nervt zunächst keiner der Texte. Die Hauptaufgabe ist eine gemeinsame:

Jeder Spieler stellt einen Drachen dar, hier Tarasce genannt, der gemeinsam mit den anderen Drachen seinen Nachwuchs aus einem einstürzenden Höhlensystem retten muss. Die zu Spielbeginn gewählte Anzahl zu rettender Drachenküken verändert dabei den Schwierigkeitsgrad. Zunächst müssen Eier geholt und in eine Brutkammer gelegt werden. Dort schlüpft aus ihnen nach einer Weile ein Tarascen-Junges aus, das sich im Höhlensystem versteckt (in einer der mit einem Runensymbol gekennzeichneten Kammern). Man muss die richtige Kammer finden (Teile des zutreffenden Runensymbols zeigt die Konsole an, und so kann man die entsprechenden Kammern abklappern oder darauf warten, dass alle drei Teile einer Rune bekannt werden, um sofort die richtige Kammer zu finden).

Obwohl das Spiel kooperativ angelegt ist, kann man auch gegeneinander kämpfen, wenn man will und sogar einen Einzelsieg davontragen. Es wird für die Fortbewegung im Höhlensystem zwar - elektronisch - gewürfelt, aber es bleiben genug Entscheidungen für den Spieler übrig, dem reinen Glück ein Schnippchen zu schlagen. In allen Räumen und manchmal auch zwischendurch in den Gängen lauern Gefahren oder Herausforderungen, die die Konsole bekannt gibt. Einige Kämpfe erfordern schnelle Reaktionen, was mit einer pulsierenden, stetig kleiner werdenden Balkenanzeige, die man im idealen Moment stoppen muss, gut umgesetzt ist. Nicht jeder hat die entsprechende Reaktionsfähigkeit, was dann äußerst frustrierend sein kann. 

Man erhält unter Umständen massenweise neue Waffen und Rüstungen, Zaubertränke und so weiter. Zu jedem dieser Teile gibt es ein Plättchen, das man zuerst mal aus dem Wust an Material herausfischen muss und es dann auf seinem Charakterbogen ablegen kann. Die Konsole merkt sich zwar sämtliche Werte und Ausrüstungen, jedoch hat der Spieler über die Pappteile immer eine Übersicht seiner Situation. Ein paar Tütchen braucht man schon, um das Material zu sortieren.

Das Spiel ist ab zwei zu rettenden Drachen schon recht schwer zu gewinnen, der Spannungsbogen durch das langsam einstürzende Gemäuer (bestimmte Kammern sind dann nicht mehr betretbar) sehr gut. Trotzdem lässt Tarascon viel zu wünschen übrig: In den üblichen Fantasyspielen sind es Zwerg, Elf, Mensch, Ritter, Ork, Hobbit, was weiß ich - die immer gleichen, aber eben auch vertraut wirkenden Gestalten, in deren Rolle der Spieler schlüpft. Hier sind es Drachen, die ihre Brut retten müssen (eben die Tarascen aus der Region Tarascon in Frankreich). Bisher hab ich noch niemand getroffen, der mit dieser Hintergrundgeschichte glücklich war. Offenbar standen auch die Macher damit auf Kriegsfuß: Der Hauptsprecher chargiert an manchen Stellen unvermittelt ungeheuer stark, was auf fehlende Textregie schließen lässt und den Spieler aus der Atmosphäre herausreißt … und wenn man einen der Schlusstexte (wenn das Spiel gewonnen wurde), länger laufen lässt, ist noch nach einer stummen Pause ein Outtake zu hören, der dort meiner Meinung nichts verloren hat. Vielleicht wussten die Macher zu diesem Zeitpunkt aber auch schon, dass die Firma in die Binsen geht und ihnen war schon alles egal.

Die Konsole kümmert sich (anders als in allen anderen Yvio-Spielen) nicht um den gesamten Spielablauf. Man würfelt und zieht seine Figur – falls man die falsche Felderzahl zieht, bemerkt die Konsole das allerdings nicht. Nur ganz bestimmte Felder erkennt das Spiel (hier sind es 19). Faktisch ist das eigentlich kein Problem, irritiert Yvio-Fans aber erst mal nicht wenig.

Die Spieldauer kann erheblich sein – je nach Schwierigkeitsgrad kann man pro Spieler bis zu eine Stunde Spielzeit ansetzen. Den meisten Spielern dürfte das für ein doch nicht unerheblich vom Glück beeinflusstes Spiel zu lang sein.

Dass die Anzeige auf der Yvio die Runensymbol-Teile um 90 Grad versetzt zum Spielplan anzeigt, kann zu Spielfehlern führen, die das Spiel unter Umständen zusammenbrechen lassen. Hier muss man aufpassen wie ein Schießhund, um nicht die falschen Kammern abzudecken, denn auch hier kontrolliert die Yvio das korrekte Abdecken nicht (ich habe mir Aufkleber für den Spielplan hergestellt, auf denen die Runensymbole korrekt herum abgebildet sind).

Außerdem gibt es einen Programmierfehler: Manchmal wird (spät im Spiel) ein Runensymbol angezeigt, das auf dem Spielplan gar nicht vorkommt. Ärgerlich.

Mir gefällt das Spiel trotz der Negativpunkte noch recht gut. Ich bin allerdings auch jemand, der Runebound und Talisman mag. Das sind ebenfalls arg glückslastige Spiele mit langer Spieldauer, die aber viel Atmosphäre verströmen. Gut, für mich hätten es bei Tarascon nicht unbedingt die Kinderkram-Drachen sein müssen, aber alles andere entführt einen tatsächlich in eine spannende, recht abwechslungsreiche Märchenwelt.

Einstieg eher anstrengend Die Spielregel ist umfangreich, je nach Schwierigkeitsgrad kann eine Partie sehr lange dauern. Viel Glück und viel Reaktionsvermögen sind gefragt.

Spielreiz geht so Ausreichend abwechslungsreiche Nebenaufgaben, spannende Haupthandlung. Das Spiel schrammt knapp an "Gut" vorbei. Vielleicht wäre es sogar ein "Sehr gut" geworden, hätte man die üblichen Fantasy-Klischees übernommen (oder gar in Lizenz "Talisman" oder ein ähnliches bekanntes Spiel neu umgesetzt).


Tarascon (Yvio) von Markus Geiger
(1*) 2 bis 4 Spieler
Public Solution Verlag, 2009

*ein Solomodus wurde zwar versprochen, fand aber nie seinen Weg auf die Konsole

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