Montag, 10. Februar 2014

Super Gang

❞Schönen Laden ham Sie da, wär’ doch schade, wenn dem was passieren würde ...❝


Dieses Spiel um mafiös handelnde Erpresser- und Diebesbanden ist schon lange nicht mehr erhältlich und wird bis heute (2014) auf dem Gebrauchtmarkt hoch gehandelt. Zu Recht. Falls es nicht zu einem Plagiat kommt, wie bei einem gewissen anderen Spiel des Ludodelire-Verlags, der praktisch ausnahmslos Gralsspiele herausgebracht hat, wird man auch so schnell keine Neuauflage sehen: Die drei Rechteinhaber haben sich schon vor 20 Jahren hoffnungslos zerstritten – und alle Versuche, dort moderierend einzuschreiten oder das Thema überhaupt noch einmal anzuschneiden, werden brüsk abgeschmettert (ich weiß das aus eigener Erfahrung!).

Als das Spiel noch regulär im Handel zu bekommen war, habe ich bei einem kleinen, aber gut sortierten Spieleladen in Köln danach gefragt. Die Bedienung ließ durchblicken, dass sie es mir gerne verkaufen würde, aber ihr Chef da ganz eigene Ansichten hätte, warum es weder geführt, noch bestellt wird. Denn es handele sich um ein gewaltverherrlichendes Spiel, dem noch dazu eine echte Gummipfeilpistole beilag, und so etwas würde der Chef aus moralischen Gründen nicht führen. Dass im angrenzenden Nebenraum zentnerweise Fantasy-Rollenspielbücher mit axtschwingenden Orks auf dem Cover standen und ebenso Hundertschaften von Zinnminiaturen, die wenig friedliebend wirkten, war dagegen voll okay. Mit einer Pistole auf Gegner schießen, und seien diese auch bloß auf Pappziele gedruckt – nicht auszudenken, was das für Folgen haben könnte. Eine direkte Folge hatte es jedenfalls für den Laden, denn ich kaufte ab sofort nichts mehr dort (zumindest für die kommenden zwanzig Jahre). Und das, obwohl ich deren Rabattheftlein bis dahin schon ordentlich voll bekommen hatte.

Tatsächlich erklärte mir auf der SPIEL in Essen einer der Verlagsgründer (kurz vor dem Aus für den Verlag), dass die beiliegende Pistole wirklich zum Problem geworden war: Der im großen Stil hergestellten Zweitauflage lag eine bei, die richtig Wumms hatte, und die damit gegen internationale Gesetze verstieß. Die kommende Auflage bekam also ein entschärftes, und damit faktisch unbrauchbares Teil – Käufer des Spiels konnten (quasi "unter der Ladentheke") eine der ursprünglichen Pistolen dazu kaufen.


Die Pistole ist nicht das Original,
sie stammt aus einem anderen Spiel
Jetzt soll man bloß nicht glauben, die Pistole sei das tragende Element des Spiels. Keineswegs. Obwohl, wenn ich ehrlich sein soll, hat sie mich in der ersten Zeit am meisten beschäftigt ... in einem Urlaub in Frankreich entdeckte ich das Spiel nämlich für umgerechnet 15 Mark in einem Gebrauchtmöbelladen – sonnenverblichenes Cover, aber noch unbenutzt. Es war zwar offenbar die Erstauflage mit der "guten" Pfeilpistole, die aber leider sofort kaputtging und zunächst durch einen (in Frankreich damals billig zu bekommenden) Gummigeschoss-Spielzeug-Luftdruckrevolver ersetzt wurde. Der funktionierte großartig. Die Spielregel gab uns jedoch Rätsel auf, wurde gemeinschaftlich übersetzt, gab trotzdem nach wie vor Rätsel auf ... und das Spiel verschwand für Jahre im Schrank.


Motorrad- und Dreiradklau sind klar,
ebenso der überfallene Tourist
– aber was soll die Mülltonne bedeuten?
Dank Internet (und Boardgamegeek) machte ein erneuter Anlauf die Sache spielbar. Ich weiß zwar bis heute nicht, ob wir nebenstehendes Symbol richtig interpretiert haben (es wird nirgendwo erklärt), aber das stört nicht wirklich.

Drei bis fünf Spieler (bei fünfen muss ein Spieler die Bullen Polizei übernehmen) steuern jeweils eine Gang aus Drogen(?)dealer, Schläger und buchstäblich männermordendem Vamp über einen total niedlichen Spielplan, der verschiedene Stadtviertel einer heruntergekommenen Mittelmeer-Hafenstadt zeigt. Zwei relativ dämlich dreinblickende Polizisten stapfen ebenfalls über den Spielplan. Es gilt, durch Drogenverkäufe (wahlweise kann man das auch als Hehlerware ansehen), Schutzgelderpressung und Übernahme von Läden in den Stadtvierteln möglichst viel Geld zu machen, das Ganze vorzugsweise nicht unter den strengen Augen des Gesetzes, und bei Schießereien, die gelegentlich vorkommen, möglichst die richtigen zu treffen, und nicht selbst im Krankenhaus oder gar auf dem Friedhof zu landen. Ich finde es übrigens erfrischend, dass das Spiel an keiner Stelle den moralischen Zeigefinder hebt. Ganz klar: Verbrechen lohnt sich, so lange man sich nicht erwischen lässt.

Für die Bewegung der Spielfiguren (kleine Metallbüsten mit unterscheidbarer Vorder- und Rückseite, da es auf die Blickrichtung ankommt, insbesondere bei den Polizisten) wird gewürfelt. Allerdings hat man dann normalerweise derart viele Möglichkeiten, den Wurf anzuwenden, dass das Glückselement keine bestimmende Rolle spielt.


Einige der Zielscheiben
Kommt es zu bewaffneten Auseinandersetzungen (zum Beispiel in einem Laden), werden alle Beteiligten (die Gangster, eventuell anwesende Polizei, der Kassierer des Ladens) als große Pappzielscheiben in ein paar Metern Entfernung aufgestellt. Nun gilt es für den Schützen, die richtigen zu eliminieren. Je nach Geschick des Schützen und Güte der Pistole klappt das mehr oder weniger präzise. Getroffene Zielscheiben können einfach umkippen – dann wurde die Person verletzt, drehen die Scheiben dabei ihre Rückseite nach oben, ist die Person tot. Für Gangs gibt es die Möglichkeit, komplett verlorene Gangmitglieder zu ersetzen, jedoch gehen sie nach meine Spielerfahrungen häufiger ins Krankenhaus und von dort in den Knast (man muss die Runden, die Spielfiguren aussetzen, schriftlich festhalten, der einzige, zeittypische Materialmakel* des Spiels, abgesehen von der lückenhaften Regel).

Es gewinnt derjenige, dem es gelingt, ein komplettes Stadtviertel in seinen Besitz zu bringen (außerdem gilt ebenfalls die Siegbedingung: "last Team standing"). Die Stadtviertelübernahme ist bei drei Spielern normalerweise nach anderthalb bis zwei Stunden der Fall.

Die Polizisten
und die roten Spielfiguren
Das Spiel macht großen Spaß, durch die Vielfalt der Möglichkeiten und den recht häufigen Gang zur Schießanlage. Da fast immer auch andere Spieler eingebunden sind, kommt kaum Langeweile zwischen den Zügen auf. Die Spieldauer ist für das Gebotene (bei 3 Spielern, mit mehr habe ich es nie gespielt) vielleicht einen Hauch zu lang. Wer mit einem gewissen Glücksanteil und dem brutal-unmoralischen Thema leben kann, dem wird es gefallen.

*Die Illustrationen von Gérard Mathieu sind (wie immer) göttlich, die Pappmarker und Holzklötzchen tun ihren Dienst, die schweren Spielfiguren sind großartig, auch wenn die (eigentlich) roten unlackiert beiliegen (ein Herstellungsfehler, der aber keine Rolle spielt), der Spielplan ist funktional und trotzdem eine detailreiche Augenweide.


Es ist ein Gralsspiel Es hatte fast ab Veröffentlichung den Ruf, eins der Spiele der Art "muss man gespielt haben" zu sein, und ist heute kaum noch für kleines Geld zu bekommen.

Einstieg eher anstrengend Die Regeln sind nicht ganz simpel, selbst wenn man eine verbesserte Version aus dem Netz benutzt. Im Spiel hat man immer wieder relativ kniffelige Entscheidungen zu treffen, welchen Weg man einschlagen bzw. welche Handlung man ausführen möchte. Schrammt knapp an "eher locker" vorbei.

Spielreiz sehr gut Wunderbar abwechslungsreiche Spielmechaniken, und dazu alles völlig politisch unkorrekt. Kleine Abstriche im Material und für die eventuell zu lange Spieldauer. Mich stört das jedoch nicht.

Die Druckfarbe Gelb ist nach langen Jahren
in südfranzösischer Sonne verschwunden.
Man muss sie sich dazu denken.
Super Gang von Gerard Delfanti, Gérard Mathieu und Pascal Trigaux
3 bis 5 Spieler
Ludodélire, 1985


Wenn ich recht drüber nachdenke, habe ich dem Spieleladen durch meinen Boykott einen Gefallen getan – immerhin habe ich auf eine nicht unbeträchtliche Rabattsumme verzichtet...

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