Montag, 7. April 2014

Ninja Galaxy

❞Auweia.❝


Stein-Thompson Games bestanden aus der deutschen Grafikerin Silke Stein und dem kanadischen Spieleerfinder und Experten im Erzeugen von Fremdscham Randy Thompson (nicht zu verwechseln mit dem Countrysänger). 

Der Verlag wurde vor allem durch sein Spiel Soccer Tactics bekannt, das eine ganz annehmbare und spaßige Fußball-Brettspielversion ist und sich recht gut weltweit verkaufte. Außerdem vertrieb man die Erstauflage des ziemlich guten kanadischen Partyspiels GIFT Trap in deutscher, leider etwas betulich übersetzter Version (dessen Neuauflagen, nun vom Heidelberger Spieleverlag vertrieben, sind deutlich besser).

Dann wollte man Ninja Galaxy herausbringen und fragte über die amerikanische Brettspielseite Boardgamegeek nach, wer Lust hätte, vorab eine Ausgabe des Spiels zu testen. Ich hatte, und postwendend kam das Spiel zu mir. Tolles Material, die schon aus Soccer Tactics bekannten, böse kuckenden, gelungenen Holzspielfiguren und verständliche, sauber layoutete Spielregeln. Klasse. Doch beim Regelstudium und einem ersten Spiel stellte sich heraus: eine reine Glücksorgie ohne echte Entscheidungen. Später schickte der Verlag noch ein Erweiterungsset, das angeblich mehr Taktik und Strategie ins Spiel bringen sollte. Es entpuppte sich aber lediglich als eine weitere Schicht aus Glückselementen. Für Kinder war das vielleicht ganz annehmbar, aber die Zielgruppe der anspruchsvolleren „Vielspieler“, die man erreichen wollte, sagte dem Verlag klipp und klar die Meinung. Nun begann das Drama.

Kurz etwas zum Spiel (immerhin ist das eine Brettspielbesprechung, aber unter uns: die Storys um den Verlag sind interessanter als das Spiel):

In der so ganz und gar nicht an den Haaren herbeigezogenen Hintergrundgeschichte geht es um Weltraum-Ninjas diverser Sternsysteme, die durch ein kosmisches Ereignis bedroht sind. Nur ein einziges Sternsystem kann gerettet werden, die anderen werden untergehen. Um dem Schicksal zuvorzukommen, versuchen die Ninjas, die konkurrierenden Ninjas oder gleich deren ganze Sternsysteme aus dem All zu fegen. 

Das quadratische Spielbrett zeigt mehrere Ringe, auf denen Felder zu sehen sind (die Figuren stehen immer in einem ausgestanzten Loch jedes Felds – nett gemacht). Die drei Ninja-Figuren jedes Spielers kommen in seine Ecke des Spielplans. Man würfelt, um eine seiner Figuren um die Würfelzahl zu bewegen. Man kann sich entscheiden, welche Figur man bewegt und auch, in welche Richtung die Zahl komplett gezogen werden muss.

Dabei kann man gegen gegnerische Ninjas kämpfen, über „Portale“ auf andere, weiter innen liegende Ringe wechseln (oder auch Portale für andere Spieler blockieren), bis man schließlich einen von mehreren schwarzen Spielsteinen in der Mitte erreicht. Den kann man nehmen und damit ein gegnerisches Startgebiet „beschießen“. Man würfelt mit einem 8seitigen Würfel, der Gegner nimmt den üblichen 6-Seiter. Hat man die höhere Zahl, scheidet der Gegner aus dem Spiel aus. Ziel ist es, als einziger noch auf dem Spielfeld vertreten zu sein.

Die Kämpfe (mit Kärtchen, auf denen Ninja-Schwerter abgebildet sind, die verdächtig nach Laserschwertern aussehen) sind besonders haarsträubend: Jeder besitzt 3 Kärtchen, mit den Werten 1 bis 3. Eins spielt jeder verdeckt aus. dann werden sie aufgedeckt, es wird gewürfelt. Wer die höchste Gesamtsumme hat, gewinnt den Kampf. Preisfrage: Welches Kärtchen wird man wohl verdeckt ausspielen, wenn man noch alle drei besitzt?

Bis zum Alter von 10, 12 Jahren hätte ich das vermutlich ganz gerne mitgespielt. Anspruchsvollere Naturen werden wohl eher angewidert sein.

Viele der Vorabexemplar-Empfänger sprachen – psychologisch nachvollziehbar – recht milde über das Spiel, einige jedoch spuckten Gift und Galle. Es hagelte miese Bewertungen. Für simple Spiele wie Ninja Galaxy ist das die übliche Reaktion der Boardgamegeek-Community, und ein Verlag sollte sich da nicht allzu viele Sorgen machen. Nicht so Stein-Thompson. Randy schrieb sämtliche Spieler an, die schlecht bewertet hatten und bedrängte sie, ihre Noten anzuheben oder zu löschen. Rezensenten, die Verrisse geschrieben hatten, wurden in den Kommentaren offen von ihm angegriffen. So ein Verhalten löst natürlich in etwa dasselbe aus, als würde man Ameisen vertreiben wollen, indem man sie ganz feste mit Honig bewirft. Die Noten für das Spiel (und andere des Verlags, bei Boardgamegeek herrscht oft Sippenhaft) rutschten in den Keller, der Tonfall in den Foren wurde immer ruppiger.

Memo an Verlagsmitarbeiter oder Autoren: Sich mit Kritikern anzulegen, ist immer eine Scheißidee.

Nebenbei versuchte Randy noch, Mitbewerber aus dem Spielemarkt zu drängen, indem er sie des Plagiats bezichtigte (Würfelspiele mit Fußballthema darf nur Stein-Thompson herausgeben) oder platt einen Lizenzklau vorwarf (die Trikots bei einem Fußballbrettspiel des Cwali-Verlags sähen verdächtig nach original FIFA-Design aus, und prompt erhielt Cwali Post der FIFA-Anwälte). Alles natürlich ziemlicher Blödsinn, der die Betroffenen allerdings Nerven kostete.

Schließlich verlangte Randy unter Androhung von Rechtsmitteln die Entfernung sämtlicher Einträge auf Boardgamegeek, die sich auf die Spiele von Stein-Thompson bezogen. Entnervt kamen die Boardgamegeek-Macher dem nach (inzwischen ist vieles aber glücklicherweise wieder öffentlich zugänglich.)

Ein paar Jahre später löste sich Stein-Thompson auf. Ninja Galaxy entdeckt man noch dann und wann auf Flohmärkten, Soccer Tactics World wird inzwischen von einem rein kanadischen Verlag (Caper Games) weitergeführt, der anscheinend mit Randy verbandelt ist.

Möglicherweise war die ganze Chose aber auch reines Kalkül („jede PR ist gute PR“):

Wer auf Fremdscham steht, kann mal nach „Dragons Den, Randy Thompson“ googeln. „Dragons Den“ ist ein kanadisches (?) TV-Format, bei dem Leute mit einer Geschäftsidee vor einer Jury aus Multimillionären darum buhlen, eine Vorfinanzierung zu bekommen. Meistens sind die Ideen so bekloppt, dass sie von der Jury in der Luft zerrissen werden. Auch Randys Soccer Tactics World fiel dort durch. Und schlimmer noch: Als die Millionäre Randys Vertriebskonzept zerrissen, begann er seinerseits, seine potenziellen Geldgeber zu beleidigen.
Seltsam mutet dabei an, dass Randy mit hochnotblöder Kappe und Skibrille auftrat, die mit Klebeband an seinem Kopf befestigt waren. Angeblich, weil er unter einer seltenen, schmerzhaften Lichtallergie leidet. Davon war auf der gleichfalls hell ausgeleuchteten Essener SPIEL-Messe nichts zu merken, wo er Ninja Galaxy mal im (billigen, eher peinlichen) Ninja-Kostüm, mal im hundsnormalen Sakko promotete. Merkwürdig.

Was „Dragons Den“ angeht: Gräbt man noch ein wenig tiefer, liest man, dass er als eine Art Warm-Upper für die Sendung gearbeitet haben soll. Das verklebte Gesicht könnte also bloß ein Trick gewesen sein, damit ihn Leute, die mal bei einer Aufzeichnung im Studio waren, nicht wiedererkennen, und sein Buhlen um die Finanzierung des Spiels (das längst ganz gut lief) war wohl bloß eine gescriptete Show, inklusive seiner ausfallenden Art. Vielleicht.

Wie gesagt, möglicherweise sind alle seine Ausfälle bloß reines Kalkül, um durch lautes Rumgepolter kostengünstige Werbung zu bekommen. Das kann klappen, muss es aber (im Fall von Ninja Galaxy) nicht.

Schade übrigens, dass die wirklich geilen, transparenten Spielfiguren der "Ninja-Galaxy-Deluxe-Edition" nie herausgekommen sind. Immerhin kann man sie oben im Header dieser Seite bewundern (ansonsten habe ich keine eigenen Fotos des Spiels). Oha, hoffentlich mahnt mich Randy deswegen nicht ab ...


Einstieg eher locker Die Spielregeln sind nicht ganz kurz, aber noch gerade so eingängig. Entscheidungen gibt es zwar zu treffen, sie sind aber banal und letztlich entscheidet der Würfel. Die Spieldauer ist leidlich kurz.

Spielreiz, nein, lieber nicht Die Figuren und das ganze Brimborium drumherum macht zwar Lust auf das Spiel, eine Partie Mensch-ärgere-dich-nicht bietet aber meiner Meinung nach mehr. Kinder mochten das Spiel zwar meistens, der übliche Familienspieler aber bemängelt das vorzeitige Ausscheiden – und alle anderen sollten die Finger davon lassen


Ninja Galaxy von Randy Thompson
2 bis 4 Spieler
Stein Thompson Games, 2006

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