Montag, 25. August 2014

Kosakenschubsen

ёлки-па́лки!


Jenseits des eisernen Vorhangs war man ziemlich findig. Eine Kalaschnikow – sollte sie denn wirklich einmal kaputtgehen – wurde kurzerhand mit Kaugummi oder Büroklammern repariert und ein Damebrett wurde mit folgender Spielregel zum Geschicklichkeitsspiel umfunktioniert: Leg je 8 deiner Steine an gegenüberliegende Kanten des Spielbretts und schnippe diese Steine so geschickt, dass nur gegnerische Steine dabei vom Brett fliegen, aber nicht deine eigenen. Es gewinnt, wessen Steine übrig bleiben.

Der Schreiner Dieter Zander hat sich dieser banalen (und guten) Spielidee angenommen, und sie an zwei Stellen entscheidend verbessert:

Ein dickes Holzbrett in Sanduhrform, in das (bewusst rustikal) Rillen eingearbeitet sind, und weiße und rote Spielsteine aus Holz, die auf der Unterseite flach, an der Oberseite jedoch gewölbt sind. Jeder Spieler reiht 9 Steine an seiner Kante des Bretts auf, ein Startspieler wird ermittelt*, der dann einen seiner Steine in Richtung der gegnerischen Steine schnippt. Gelingt es ihm dabei, einen oder mehrere gegnerische Steine vom Brett zu befördern, ohne dass eigene Steine ebenfalls herunterfallen, darf er diese Aktion wiederholen. Misslingt ihm das, ist der Gegner an der Reihe. Sind keine gegnerischen Steine mehr auf dem Brett, hat man den Durchgang gewonnen und setzt nun 8 eigenen Steine in die nächste Spielreihe. Der Gegner besitzt weiterhin 9 Steine in der Grundreihe und darf beginnen. Wer durch gewonnene Durchgänge mit seinen Steinen bis zur mittleren Reihe vordringen kann, gewinnt die Partie.

Dieser Kniff (wer einen Durchgang gewinnt, wird durch weniger Steine und durch den zweiten Zug benachteiligt) sorgt für einen gewissen Ausgleich der Spielstärke. Der zweite Kniff ist die Form des Spielbretts. Wäre es für einen versierten Spieler ein Leichtes, bei einem viereckigen Brett schon im ersten Zug die gegnerische Reihe komplett abzuräumen, sorgt die Sanduhrform dafür, dass manche Schüsse schwieriger und unberechenbarer werden. Außerdem verzeihen die Spielsteine durch ihre eigenwillige Form zu starke Schüsse manchmal nicht, indem sie sich übereinander schieben. Mit diesen speziellen Steinen ist das Spiel deutlich interessanter als mit normalen Damesteinen oder den Holzringen aus der nebenstehenden Abbildung.

Ein wirklich geschickter und erfahrener Spieler wird versuchen, seine Steine wie beim Billard oder Carrom auch für den nächsten Schuss taktisch klug zu platzieren, allerdings kommen Normalpersonen auch durch direkte, völlig untaktische Herangehensweise zu Erfolgserlebnissen. 

Ein kleines, jedoch schnell lösbares Problem ist die – leider unbebilderte – Anleitung, die ein paar besondere Spielsituationen nicht behandelt (in Klammern meine persönliche Lösung):

Was passiert, wenn ein Spieler in einem Zug sämtliche Spielsteine vom Brett fegt? (Der Durchgang wird wiederholt, der Vom-Brett-Feger gilt als Verlierer des Durchgangs.) 

Welcher Spieler hat den ersten Zug in einem Durchgang? (Klingt banal: natürlich immer der, der weniger Steine in seiner Startreihe hat. Sollten beide Spieler aber gleich viele Steine in der Startreihe haben, beginnt der Verlierer des vorangegangenen Durchgangs.)

Was passiert, wenn Spielsteine übereinander liegen? (Nichts besonderes: nach wie vor darf man seine eigenen Spielsteine schnippen, wenn man an der Reihe ist. Bei übereinander liegenden Steinen wird es bloß etwas schwieriger.)

*(Ich empfehle übrigens, beim Ermitteln des Startspielers durch das empfohlene zur-Mitte-schnippen nicht den Gewinner, sondern den schlechteren Spieler beginnen zu lassen. Fairness natūrlich vorausgesetzt)

Ein weiteres (ebenfalls kleines) Problem ist das Verstauen des Spiels: Je nach Vertriebsweg wird es in einem unschönen braunen Karton angeliefert, in dem man es belassen könnte. Will man es jedoch zur Schau stellen, bleiben da noch der Stoffbeutel mit den Steinen (netterweise sind sogar Ersatzsteine dabei) und die Anleitung, die man irgendwie sinnvoll unterbringen muss. 

Alle Niggeligkeiten beiseite: Sollte man nicht gerade auf Kriegsfuß mit dieser Art Geschicklichkeitsspielen (Carrom, Carabande, Crokinole, Catacombs ... wieso beginnen die eigentlich alle mit "C") stehen, ist Kosakenschubsen ein absolutes Muss. Es wird nie bei einer Partie bleiben und man wird es immer wieder hervorholen. Ein wirklich historisches Spiel ist es natürlich nicht, auch wenn der Verlag Historische Spiele Zander und die Optik des Spielbretts das suggeriert.

Seltsamerweise ist die Website des Verlegers/Autoren/Schreiners nicht mehr aktiv (jedenfalls im Sommer 2014). Das brachte mich zur Annahme, dass das Spiel nicht mehr hergestellt wird, also hatte ich mir kurzerhand selber eins gebaut (mit den Angaben aus dem Netz war das leicht und sogar sehr nahe am Original). Das Spiel kann man dennoch über mindestens einen Versender noch beziehen. Nachdem mir das klar war, habe ich mir das Original besorgt (es schnippt sich durch die linsenförmigen Steine etwas anders – ich möchte sagen: besser).


Einstieg eher locker Die Spielregeln sind extrem kurz, ebenso die Spieldauer, auch Anfänger haben sofort Erfolgserlebnisse, und Spielsteine schnippen kann ja wohl jeder.

Spielreiz sehr gut Makelloses Material (unter Umständen in billiger Transportschachtel, die man eh wegwerfen wird), sehr schöne, ungewöhnliche Spielsteine, intuitiver Spielablauf, der zudem noch die Spielstärke ausgleicht. Nur ein sehr, sehr guter Profi wird immer gegen Anfänger gewinnen.


Otto-Normalspieler-Empfehlung Intuitiv verständlich und in 10 Sekunden erklärt.




Kosakenschubsen von Dieter Zander

2 Spieler
Historische Spiele Zander, 2011

Kommentare:

  1. Hallo,

    danke für den gelungenen und ausführlichen Spieletest. Sie schreiben: "Das Spiel [Kosakenschubsen] kann man dennoch über mindestens einen Versender noch beziehen." Könnten Sie mir sagen, wo ich das Spiel noch bekommen kann, da meine bisherige Internetsuche leider erfolglos war?

    Danke und viele Grüße

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    1. Danke für das Lob. Die bisherige Quelle für das Spiel ist leider versiegt – allerdings findet man unter der Suche historische-spiele-zander Links auf Rakuten und connexion24 ... lieferbar sind die Spiele dort nicht, allerdings gelistet. Vielleicht dort mal anfragen? Viel Hoffnung besteht natürlich nicht. Bleiben also nur die große Bucht im Internet oder selber bauen ...

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    2. Wenn wirklich alle Stricke reißen: Ich würde meine selbstgebaute Version verschenken (gegen Erstattung des Portos), Kontaktadresse ganz unten.

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