Montag, 14. April 2014

It's Alive!

❞Es leeebt! Es leeeeebt!❝


Doch nicht mehr so lebendig – Cover der Erstauflage
Dieser Text wurde von mir in inhaltlich ein wenig anderer Form bereits 2008 auf der Website der SPIELBOX veröffentlicht. 

Der inzwischen wieder geschlossene Spielverlag Reiver Games war ein Ein-Mann-Unternehmen, das in seiner kurzen Existenz einige wenige Spiele herausgebracht hat. Darunter Yehuda Berlingers "Menorah"-Spiel, in dessen Prototyp die Spieler einen siebenarmigen Leuchter mit Kerzen bestücken müssen. Wow, was für ein unverbrauchtes Thema! Allerdings auch ein saulangweiliges.

Gut, dass Jackson Pope, der Verlagsinhaber, es in ein völlig neues Thema gekleidet hat.
Gegenstand war nun nicht mehr ein dröges, religiöses Symbol – nein, die Spieler wurden zu kleinen Frankensteins, die mit einem Labor (einem Sichtschirm) und einem Operationstisch (einer Ablagetafel) ausgestattet sind und Leben erschaffen wollen.

Das Komplettieren eines Wesens aus einzelnen Leichenteilen auf Kärtchen, was der Spieler mit dem Ausruf "It's Alive!" (Es lebt!) kundtut, hatte zumindest für mich einen derart hohen Reiz, dass ich es sofort auf meine "Must Have"-Liste bei Boardgamegeek gesetzt habe. Bislang war das Spiel nur angekündigt, seit einiger Zeit ist es in Miniauflage erhältlich. Hätte Jackson Pope nicht hinterlistigerweise alle Boardgamegeek-User mit entsprechendem Tausch- oder Kaufwunsch angeschrieben, ich hätte ein schnell erklärtes, noch schneller gespieltes und kurzweiliges Spiel möglicherweise verpasst. Von den ursprünglich 300 produzierten Spielen waren nur noch wenige Examplare da - Nr. 269 landete bei mir im Briefkasten (15 Pfund plus 3 Pfund Versand).

Ich war (angenehm) überrascht, wie klein die Schachtel ist (Platz im Spielschrank ist kostbar). Viele gelbe Holzchips (das Gold) liegen bei, die 5 erwähnten Sichtschirme und Ablagetafeln, Punktübersichten für alle Spieler, die auf ihrer Rückseite eine Übersicht der wichtigsten Spielabläufe (auf Englisch) tragen, 60 quadratische Kärtchen mit einheitlicher Rückseite, auf denen nicht nur die benötigten Körperteile abgebildet sind, sondern manchmal auch eine Schar Dorfbewohner mit Fackeln, die dem unchristlichen Treiben der Spieler Einhalt gebieten wollen. Die gedruckten Spielelemente liegen spielfertig bei und bestehen alle aus dem gleichen Material: es ist in etwa vergleichbar mit gutem, lackiertem Spielkartenkarton.

Man hätte sich die Sichtschirme lieber aus stärkerer Pappe gewünscht, denn sie verrutschen leicht, die Kärtchen hätten auch ein wenig dicker sein können - dann jedoch würde ihr Stapel eventuell zu hoch und kippgefährdet. Wirklich meckern kann man nicht, das Material sieht qualitativ absolut nicht nach Hobby-Verlag aus und ist zudem wunderbar professionell im Comic-Stil illustriert.

Eine englische Spielregel in Faltblattform, die nach hochwertigem Digitaldruck aussieht, komplettiert das Ganze. Deutsche Regeln zum Download gab es über die Webseite von Reiver Games.

Kaum war das Spiel ausgepackt, wurde die erste 2er-Partie begonnen. Erste Frage meiner Spielpartnerin nach der Erwähnung "Die Körperteile können versteigert werden":
Geht das denn überhaupt zu zweit?

Gute Frage - Vielspieler ahnen sofort, dass Versteigerungsspiele (wie auch Deduktionsspiele) meistens mindestens drei Spieler benötigen und fürchten sich zu zweit vor einem sinnlosen bis holprigen Spielablauf. Im Fall von "It's Alive!" ist das unberechtigt, sämtliche Abläufe funktionieren zu zweit tadellos.

Zu Beginn hat jeder Spieler 12 Goldmünzen und eine leere Operationsliege. Beides ist vor den Blicken der Mitspieler geschützt.
Ziel ist es, durch Auslegen von acht möglichst hochwertigen Körperteilkarten eine komplette Kreatur zu erschaffen (sie dürfte in der Realität etwas wackelig ausfallen, denn sie besteht aus Torso, Herz, Hirn, Kopf, und jeweils gerade mal einem Bein, Arm, Fuß und einer Hand - aber was soll's... Wer weiß schon, was der Herr Doktor Frankenstein da genau vorhat).

Wer an der Reihe ist, dreht üblicherweise die oberste Karte des Stapels um. Dort taucht meistens ein mehr oder weniger wertvolles Körperteil auf - sein Wert ist aufgedruckt, auf der Übersichtskarte der Spieler sind sämtliche möglichen Werte aller Teile aufgelistet, sodass man abschätzen kann, ob man zuschlagen oder noch abwarten sollte.

Angenommen, man hat einen Fuß aufgedeckt: Der Spieler überlegt nun, ob ihm ein Fuß mit Wert 3 genügt (es gibt auch welche mit Wert 4) und so könnte er ihn für 3 Goldmünzen kaufen. Würde er das tun, könnte er den Fuß auf die entsprechende Stelle seiner Ablagetafel legen oder neben dieser für andere Zwecke aufbewahren.

Er könnte ihn aber auch zum halben Wert verkaufen (abgerundet), um seine Goldmenge zu vergrößern. Beim Verkauf würde die Karte vor seinen Sichtschirm auf einen Stapel abgelegt. Sie steht dann allen Spielern zur Verfügung, die sie zum aufgedruckten Wert kaufen können oder gegen eine gleich- oder höherwertige Karte eintauschen können.

Als dritte Möglichkeit bleibt, die Karte zu versteigern. Der Auktionator hat das erste Gebot, alle anderen Spieler dürfen ebenfalls im Uhrzeigersinn je ein Gebot abgeben. Der Höchstbietende bezahlt dem Auktionator das Gold und erhält die Karte. Gewinnt der Auktionator (weil die anderen Spieler passen), zahlt dieser das Gold an die Bank und bekommt die Karte.

Man ahnt schon: Wer ein gutes Gedächtnis hat und sich merkt, welche Teile und wie viel Geld die anderen haben, kann das Spiel alleine durch diesen Auktionsmechanismus ganz gut zum eigenen Vorteil steuern; aber auch ohne grandiose Merkfähigkeiten steht man hier vor reizvollen, nicht zu komplexen Entscheidungen – außerdem gibt es einige zusätzliche Regeln und Unwägbarkeiten: Zum einen darf ein Spieler auf das Aufdecken einer Karte verzichten und stattdessen von den offenen Ablagestapeln eine Karte erwerben (um diese dann wie gehabt zu versteigern, zu kaufen oder zu verkaufen), zum anderen können die wütenden Dorfbewohner auftauchen, die man mit Gold oder einer gleichwertigen Karte beruhigen muss. Schließlich gibt es noch (sehr teure, aber eben auch wertvolle) Sarg-Karten, die als Joker jegliches Körperteil ersetzen können.


Im Kellerlabor des angehenden Frankensteins
Hat man sich durch die mit einigen Spieltipps etwas unglücklich aufgeblähten Regeln gearbeitet, stellt man fest, wie flott eine Partie von der Hand (oder dem Fuß oder dem Hirn) geht. Und bevor man sich's versieht, ruft schon der Gegner in schönster, vibrierender Vincent-Price-Synchronstimme: "Es leeeebt!", deckt seinen Operationstisch auf und die Punktezählung beginnt.

Das Ende kam immer überraschend, weil wir uns eben doch nicht genau merken konnte, wie viele passende Teile das Gegenüber bereits gesammelt hat; es kribbelte, weil man sich schon mit hohen Punktzahlen auf der Siegerstraße sah, aber eben befürchten musste, dass der andere mittels Körperteilen zu Schleuderpreisen flott eine (Achtung, schlechtes Wortspiel) "Second-Hand-Kreatur" komplettiert hat.

In unseren bisherigen drei Partien (nur zu zweit) hatte immer derjenige die meisten Punkte, der das Spiel beendete, obwohl es einmal (58 zu 62) sehr knapp wurde. Es ist durchaus möglich, trotz Beenden des Spiels noch zu verlieren, denn der Komplettierer bekommt 5 Extrapunkte, ansonsten zählen die aufgedruckten Werte der ausgelegten Karten und das Gold – sofern letzteres nicht mehr als die Hälfte der Kartenpunkte ausmacht. Diese Gold-Regel sorgt dafür, dass die Spieler brav Körperteile zusammennähen und nicht nur Gold horten.

Eine Basisvariante wird ebenfalls empfohlen, die man mit Kindern spielen kann - dabei gewinnt, wer zuerst sein Wesen komplettiert. Erfahrenere Spieler können diese Variante getrost ignorieren – für jüngere Mitspieler wäre sie aber vermutlich besser (im Gegensatz zum empfohlenen Alter halte ich das Spiel für "ab 8" geeignet, wenn man den Kindern die zwar witzigen, aber durchaus gruseligen Illustrationen zumuten kann).

Ich habe das Spiel zwar noch nicht mit mehreren gespielt, versteige mich aber dazu, es zu meinem privaten Anwärter auf die Auswahlliste des Spiel des Jahres zu machen. Sehr zugänglich, flott gespielt (eine 2er-Partei dauert zwischen 10 und 15 Minuten), reizvolle Entscheidungen mit vorhandenem, aber nicht überbordendem Glücksanteil. Okay - das wird alleine wegen des Themas nicht passieren, aber ich sage "It's Alive!" die eine oder andere erfolgreiche Auflage nach der inzwischen wohl vergriffenen ersten voraus.

Nachtrag: Ja, es gab eine neue Auflage, die material- und regeltechnisch stark verbessert wurde. Leider war das Schachtelcover dort aber derart misslungen, dass sich das Spiel vor allem deshalb nur noch mäßig verkauft hatte.
Für iOS gibt es einen digitale Version des Spiels, die zwar anstandslos funktioniert, der aber irgendwie der Kick fehlt.
Yehuda Berlinger hat vor einiger Zeit eine Neuauflage des Brettspiels auf den Markt gebracht (dann wieder mit bunten Kerzen in der Menora, denn ihm gefiel das Frankenstein-Thema überhaupt nicht), so richtig eingeschlagen ist Candle Quest aber nicht.


Einstieg eher locker Die Spielregeln sind für ein Familienspiel gerade noch überschaubar (außerdem gibt es eine vereinfachte Version). Dem Spieler werden taktische Entscheidungen abverlangt, die aber im Rahmen bleiben und oft berechenbar sind (wenn man denn den Fortschritt der Gegner im Kopf behalten kann), das Spielende kommt schneller, als einem meistens lieb ist.

Spielreiz sehr gut Die Kombination von Kauf- und Versteigerungsspiel mit dem morbiden Thema gefällt mir, der Glücksanteil ist vorhanden, aber nicht erdrückend.

It's Alive! von Yehuda Berlinger
2-5 Spieler
Reiver Games (2008)

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen