Montag, 31. März 2014

Die Insel

❞Ich bin die Seherin!❝

Kurz nach der Jahrtausendwende drohten die Brettspiele elektronisch zu werden. König Artus hieß das erste Brettspiel, in das Tasten für die Interaktion mit dem in der Mitte des Spielplans liegenden Computer nach einem speziellen Verfahren aufgedruckt waren. Tolle Sache, wenn denn die eigene Haut die korrekte Leitfähigkeit aufwies. Es soll Leute gegeben haben, die sich die Finger angeknackst haben, weil das Drecksspiel ihre Eingaben nicht erkennen wollte. Außerdem litt König Artus an der Familienspielkrankheit – eine an sich gute Idee wurde so verwässert und vereinfacht, dass man nicht allzu viel Spaß damit hatte, wenn nicht gerade Halbwüchsige mitspielten.

Mit dem zweiten Versuch sollte alles besser werden. Die Erkennung von Fingerdrücken klappte gut (jedenfalls zunächst – nach einer Weile plagten technische Probleme das Spiel), die Sprecher – erneut absolute Profis – waren gut zu verstehen, die Herausforderung an die Spieler waren wesentlich höher als beim Vorgänger.


Die Insel ist allerdings nicht so sehr ein Spiel – sondern eher eine Knobelaufgabe (etwas ähnliches hat Knizia für die gescheiterte Brettspielkonsole Yvio gemacht, für die er das gleichfalls unterschätzte Octago entwickelt hat). Dummerweise wird das manchem nicht klar, wenn er das erste Mal spielt. Mir jedenfalls ging es so. Ich dachte, ein ganz annehmbares, aber arg von Zufällen abhängiges, kooperatives Spiel vor mir zu haben, das man relativ leicht gewinnen kann, wenn man mit der niedrigsten Schwierigkeitsstufe zufrieden ist. Andere Stufen lassen sich dann eben nur mit Glück gewinnen. Zwei, dreimal wurde es gespielt, verschwand dann in der Versenkung, um irgendwann auf dem Flohmarkt wieder verkauft zu werden. 

Als ich es Jahre später noch einmal ausprobieren wollte, funktionierte es nicht zuverlässig, was ich mit der oben verlinkten Prozedur aber wieder richten konnte. Erneut wurde in die Spielanleitung geschaut und ein "Spoiler"-Bereich, den ich seinerzeit vermieden hatte, durchgelesen – da kam plötzlich die Erleuchtung und Die Insel in den Folgewochen ständig auf den Tisch.

Was passiert auf der Insel? Die Story ist Banane ... wir spielen irgendwelche Conquistador-ähnliche Entdecker, die einen Vulkan auf dieser Insel am Ausbrechen hindern wollen. Der Vulkan spuckt jedoch keine Lava, sondern sieben Furcht erregende Kreaturen aus, die ihr auf dem Eiland ihr Unwesen treiben. Sie gilt es, durch kleine Kämpfe kurzzeitig zu vertreiben, aber um den Vulkan endgültig zu befrieden, müssen Steinstatuen zum Leben erweckt werden. Eine zu erwecken, ist relativ leicht, es bei allen vier Statuen zu schaffen, ist bereits in Stufe 1 des Spiels ausgesprochen kompliziert, allerdings gibt es noch zwei weitere Spielstufen! Man muss Steintafeln sammeln, und bei den Statuen platzieren. Um an das richtige Material zu kommen, müssen zunächst die diversen Orte der Insel entdeckt werden (in jedem Spiel platziert der Computer sie woanders).

Man zieht mir seiner Figur 1 bis 2 Felder weit entlang der Wege (die wirklich kurz sind - alles ist immer maximal 2 bis 3 Züge voneinander entfernt). Wenn man stehen bleibt, berührt man mit einer Hand den Hut seiner Figur, mit der anderen eine Aktionstaste. Das Spiel erkennt dann, wo die Figur ist und teilt mit, was es dort zu sehen gibt und/oder welches Ereignis eintritt. (zusätzlich zeigt ein hell erleuchtetes Feld auf dem Vulkan das jeweilige Symbol der Entdeckung an). Die Texte sind gnädig kurz (im Gegensatz zu König Artus). Ein Markierungsstein kommt als Merkhilfe auf das entdeckte Feld. Technische Spielfehler sind unmöglich, das Spiel weiß, welche Züge möglich sind und welche nicht.

Man sammelt Relikt-Karten, mit deren Hilfe man die Kreaturen besiegen kann, was aber nicht immer gelingt. Sind irgendwann alle sieben Monster auf der Insel, verlieren die Spieler gemeinsam (dennoch gibt es immer einen einzelnen Sieger, denn für gelungene Aktionen gibt es individuell Punkte, die sich der Computer merkt).

Irgendwann begreift man, das gelungene Aktionen gegen die Monster nicht auf Zufall beruhen: Sie alle folgen bestimmten, festen logischen Zusammenhängen und Schemata. Beginnt man, diese zu durchschauen, wird das Spiel von Mal zu Mal zielgerichteter und erfolgreicher (hier ein Beispiel, das völlig aus der Luft gegriffen ist: Wenn der Lavadämon angrenzend zur Spinne steht, kann er mit 2 Relikt-Karten "Stein" besiegt werden, ansonsten benötigt man 4 beliebige Karten).

In gewissen Grenzen ist das Spiel fehlertolerant – will heißen, auch mit nicht ganz optimal durchschauten Monsterbekämpfungen kann man gewinnen, wenn man die anderen Aufgaben und Wege gut koordiniert.

Wer so etwas mag – die Spiellogik Partie für Partie zu entdecken und zu entschlüsseln – und damit leben kann, dass es irgendwann damit "entspielt" ist, für den dürfte die Insel ein Leckerbissen sein. Allerdings eignet sie sich auch prima für den Gelegenheitsspieler, der keine höheren Ansprüche an sein Spielergebnis stellt. Die Insel wird nicht mehr vetrieben, taucht aber noch auf Flohmärkten auf (und kann eigentlich immer repariert werden - man sollte beim Kauf darauf achten, dass die Vorbesitzer den Stanzbogen nicht weggeworfen haben - er dient nämlich als das (elektronisch funktionslose, aber mit Ablagefeldern bedruckte) gigantische Unterteil des nur wenig kleineren Computer-Spielplans. 


Einstieg eher locker Die Spielregel ist schnell kapiert, das meiste erklärt sich ohnehin im Spielablauf. Die Spieldauer ist kurz. Allerdings wird es zeitaufwändig, die Zusammenhänge der Spieleraktionen zu entschlüsseln, um das Spiel (in allen Spielstufen und allen Besetzungen) zu knacken. Wenn einem diese Lösung aber egal ist, kann man es auch als (relativ simples und lockeres)Wettbewerbsspiel angehen.

Spielreiz gut Wenn einem Logikrätsel und Optimierungsaufgaben gefallen, dürfte auch die Insel ein Volltreffer sein.



Otto-Normalspieler-Empfehlung Das Spiel kann eine Einführung liefern. Man kann aber auch in Kürze selber erklären. Spielt man nur auf einen kleinen Erfolg, macht es auch Normalspielern auf Anhieb Spaß.


Die Insel von Reiner Knizia
2 bis 4 Spieler
Ravensburger, 2005

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