Montag, 10. März 2014

Das Große Rennen

❞Los, noch ’ne Partie Rudi Reifenstecher.


Ende der 80er in der Studenten-WG. Jeder Spielabend wurde mit einer Partie „Rudi“ beendet. Der Rotwein war da bereits reichlich geflossen (einmal wurde ein Glas sogar versehentlich über die Streckenanzeige gekippt) und ein völlig hirnloses Spiel als Abschluss kam da gerade recht.

Bei uns hieß das Spiel Rudi Reifenstecher, denn Rudi spielt bei Das große Rennen immer mit und ist der Gegner aller anderen Spieler. Sein Name ist ja auch viel einprägsamer als der eher dröge Spieltitel. Rudi ist eine violette Plastikkugel unter vielen anderen Plastikkugeln in einem reizlosen Roulettekessel und Rudi verdient, wie alle anderen Spielteilnehmer auch, Kohle in seiner eigens auf dem Spielplan angegebenen Privatschatulle und gewinnt Rennetappen. In seltenen Fällen so viele, dass er das Spiel sogar gewinnt.

Das sieht man im Spiel normalerweise nicht,
denn der Roulettekessel steht drauf
Es geht um ein Rennen rund um die Welt, durch die poppigen, zeittypischen (70er halt) und sehr gelungenen Illustrationen unzweifelhaft in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts angesiedelt. Ausgefahren werden die Rennen mit Automobilen, Doppeldecker-Flugzeugen, Ballons und Dampfschiffen, allerdings benötigt man ein wenig Fantasie, denn ein Rennen besteht immer darin, dass die bunten Kugeln in den genannten Roulettekessel geworfen werden, der dann in Rotation versetzt wird. Alle Kugeln (jeder Spieler darf mindestens 1 Kugel seiner Farbe reinwerfen, hat er das entsprechende Fahrzeug „verbessert“, auch zwei, drei, vier oder fünf) werden nun zunächst durch die Fliehkraft an den Rand des Kessels geschleudert. Allmählich werden sie langsamer und eine einzige bleibt dann schließlich in einer Vertiefung stecken. Diese Siegerkugel wird entfernt und dem Spieler zurückgegeben (bzw. sie landet in einer Ablagerille, die außen um den Roulettekessel liegen). Danach wird noch der zweite und dritte Platz mit den verbleibenden Kugeln „ausgefahren“. Thematisch seltsam mutet es an, dass theoretisch ein und derselbe Spieler mehrere Plätze belegen kann, sofern er mehrere Kugeln im Spiel hat. Das könnte man auch anders regeln (wer einen Platz erringt, dessen Kugeln werden komplett aus dem Roulettekessel entfernt), ist letztlich aber ziemlich egal.


Keine Schimmel-, nein, Rotweinflecken
(auch die halbe Streckenanzeige ist damit getränkt)
Der Fortschritt des Rennens wird mit Steckern auf einer Lochpappe angezeigt, die im Spielkarton bleibt. Der erste bekommt 3 Schritte, der zweite 2 und der dritte 1 Schritt auf der Strecke. Blöd nur, wenn die dunkle Kugel von Rudi, der immer mitfährt, einen Platz erringt. Er bekommt (jedenfalls bei uns) immer 3 Punkte und das Rennen ist sofort zu Ende.

Der Spielplan dient nur dazu, Geld zu erhalten, die Fahrzeuge durch so genannte Einsatzkarten zu verstärken (= mehr Kugeln), Rennen gegen Spielgegner oder Rudi um Geldeinsätze zu fahren und vor allem dazu, solche Rennen zu starten, an dem das eigene, möglichst starke Gefährt teilnimmt. Die Fortbewegung der pfeilförmigen Spielfiguren erfolgt per Würfel und ist daher rein glücksgesteuert. Wichtig: Am Ende seines Zugs darf man die Richtung der Spielfigur für den nächsten Zug einstellen. Wenn man das, rotweinbeduselt, vergisst, kann es passieren, dass man auf eins der wenigen negativen Felder kommt. Ansonsten kann einem hier nichts passieren, außer, dass man die orangefarbenen Kugeln erhält (oder waren es die grünen? Lange nicht mehr gespielt). Die sind in meiner Ausgabe nämlich im Gewicht oder im Rollwiderstand anders als die anderen drei Spielerfarben und gewinnen deutlich seltener beim Rennen.

Das Spiel wird schon lange nicht mehr hergestellt, taucht aber immer noch dann und wann auf Flohmärkten für kleines Geld auf.


Einstieg eher locker Die Regeln sind kurz, das Spiel praktisch ausschließlich glücksgesteuert und relativ kurz.

Spielreiz gut Die Rennen“ im Roulettekessel sind immer wieder spannend, das völlige „durchs Spiel gespielt werden“ ist nicht so schlimm, wenn man in der richtigen Stimmung ist.


Otto-Normalspieler-Empfehlung Man kann tatsächlich erst mal anfangen und alle Feinheiten später erläutern.


Rudi Reifens Das große Rennen von Bill Cooke
2 bis 4 Spieler
Parker Brothers, 1975

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