Montag, 26. Mai 2014

Bananagrams

❞Nehmen!❝


Ich glaube, ich habe das letzte Mal vor fast 25 Jahren Scrabble gespielt. Eine Partie mit Schwester und Eltern, die sehr lange dauerte und bei der irrwitzige Punktzahlen zusammenkamen. Dementsprechend lange hatte das Spiel auch gedauert und war in seiner alles entscheidenden Endphase, als unser frei im Wohnzimmer herumfliegender Wellensittich ebenfalls mittun wollte und exakt im Zentrum des (Standard)Scrabblebretts landete und laut kundtat, man solle sich doch auch einmal um ihn kümmern.

Der Luftzug bei der Landung hatte natürlich alle Buchstabensteine derart weggeblasen, dass an eine Rekonstruktion des Spielzustands nicht mehr zu denken war. Vor vier menschlichen inneren Augen saß da nicht ein aufgeweckter, fröhlicher blauer Geselle, sondern ein winziger, dampfender Geflügelbraten.

Zugegeben, mit Bananagrams hätte das auch passieren können, aber es die Partie wäre nicht notwendigerweise ruiniert gewesen.

Die Autoren von Bananagrams haben vermutlich einfach ein Scrabble-Spiel (oder eines der unzähligen ähnlichen Buchstabensteine-Spiele) genommen, das Spielbrett und die Ablagebänkchen weggeworfen und den Buchstabenbeutel durch ein bananengelbes und -förmiges Schlamperetui ersetzt. Letzteres ist insofern  genial, weil jeder fragt, was das soll … und anscheinend niemand eine rechte Antwort darauf weiß*. Sieht aber lustig aus und klingt halt witzig und einprägsam.

Der Rest der Idee ist genial, 
  • weil die Spielregel auf den Kern der Buchstabenlegespiele reduziert wird (bastele aus den vorhandenen Buchstaben möglichst viele Worte, die nach Kreuzworträtselregeln aneinanderpassen)  
  • und weil die oft bei diesen Spielen ausufernde Spieldauer begrenzt wird, indem der jeweils schnellste Spieler das Tempo vorgibt.
Alle Buchstabensteine werden verdeckt in der Tischmitte gemischt, jeder zieht sich eine bestimmte Anzahl (11 bis 21, je nach Spielerzahl) und auf Kommando decken alle ihre Steine auf und legen jeder für sich so schnell wie möglich ein ununterbrochenes Raster nach den Regeln eines Kreuzworträtsels. Verboten sind Wortdoppelungen im eigenen Raster (sonst liegt haufenweise „EI“, „AN“, „SO“ undsoweiter).

Was passiert? Man baut ein irre langes, geiles Wort wie KUEHLMITTELDURCHFLUSS und hofft, alle anderen Buchstaben irgendwie daran unterbringen zu können. So richtig will das aber nicht klappen, also beißt man in den sauren Apfel und legt alles noch einmal komplett um. Das darf man und man macht es auch oft nur, weil man mit seinen Wörtern der Tischkante zu nahe kommt und mehr Platz braucht (oder weil ein gefiederter Freund alles durcheinander gebracht hat) – es kostet aber logischerweise etwas Zeit.

Da ist dieses blöde „Y“, das man einfach nicht unterbringen kann. Man sagt also laut „Tausche!“, legt den unbrauchbaren Buchstaben verdeckt zurück und zieht zur Strafe drei neue Buchstaben nach. Na Klasse: ein „Q“, ein „A“ (damit hätte eine „LYRA“ funktioniert, aber zu spät) und ein „K“. Während man noch überlegt, wie man den „QUERULANT“ sinnvoll einbauen kann, sagt bereits ein anderer Spieler „Nehmen!“. Das darf man tun, wenn es einem gelungen ist, alle seine Buchstaben regelgerecht unterzubringen – oder man es zumindest glaubt (klar kann man hier, wie bei praktisch allen Spielen mit Hektik-Elementen absichtlich oder unabsichtlich betrügen). Alle Spieler müssen sich nun einen zusätzlichen Buchstaben vom Vorrat ziehen. Stressig wird es für die Mitspieler, wenn ein „Nehmen!“-rufender Spieler beim Nachziehen so viel Glück hat, dass er jeden neuen Buchstaben sofort unterbringen kann und einen Platzregen von weiteren „Nehmen!“ auf die anderen  niederprasseln lässt.

Sobald nicht mehr genug Buchstaben im Vorrat sind, ist das Spiel beendet und derjenige, der ein regelgerechtes, vollständiges Kreuzworträtsel vorweisen kann, gewinnt (jetzt wird das von allen Spielern natürlich genauestens geprüft).

Eine Partie ist bei um die 4 Spieler meistens nach 10 Minuten vorbei, bei zweien dauert es etwas länger, und erfüllt für mich exakt das, was ein Wortlegespiel soll. 

Es stört mich nicht, dass die Buchstaben hier keine Werte haben, dass es keine Joker gibt, dass es keine Rolle spielt, ob der Sieger wirklich lange, ausgefallene Begriffe gefunden hat – denn nach der Partie ergötzen wir uns auch so alle an unseren genialen Einfällen, fluchen darüber, dass wir dauernd X, Y und Q gezogen haben und nichts damit tun konnten und schieben eine Folgepartie hinterher.

Ganz, ganz selten kommt es vor, dass allen Spielern einfach nichts gelingen will … dann zieht sich eine Partie länger hin, als es ihr gut tut. Ich habe das aber bisher nur bei größeren Spieletreffs erlebt, wo die Geräuschkulisse der Konzentration doch ziemlich abträglich sein kann.

Ich glaube übrigens, dass ich direkt nach dem Wellensittich-Fiasko eine drehbare Luxusausgabe von Scrabble besorgt habe (deren Spielplan hat Kunststoffvertiefungen, die die Steine sicher am Platz halten), aber dennoch kam das Spiel nie wieder auf den Tisch. Ich würde es zwar mitspielen wollen, werde es aber nie wieder aktiv vorschlagen, Bananagrams erfüllt meine Anforderungen an ein Buchstabenlegespiel nämlich vollständig und perfekt.


Einstieg eher locker Die Spielregel ist in einer Minute erklärt, wer schon mal ein Kreuzworträtsel gesehen hat, kann sofort losspielen. Bewusste oder unbewusse Legefehler bleiben im Spielverlauf unentdeckt, da man sich gegenseitig nicht kontrolliert. Die Spieldauer ist meistens angenehm kurz – manchmal jedoch kann sie ausufern.

Spielreiz sehr gut Bananagrams bringt das Buchstabenlegen auf den Punkt. Was hier zählt, ist ein großer Wortschatz und ein bisschen Schnelligkeit. Mir fehlt hier nichts – andere, die auf das ideale Punktehochschrauben z. B. bei Scrabble stehen, werden mit Bananagrams allerdings nicht warm werden.


Otto-Normalspieler-Empfehlung Man kann wirklich nach etwa 30 Sekunden Erklärung loslegen.


Bananagrams von Rena und Abe Nathanson
1 bis 8 Spieler (mit Double-Bananagrams oder einfach einem zweiten Spiel auch mehr)
KOSMOS, 2006





*Jepp, liebe Korinthenkacker, ich weiß, dass sich in Bananagrams Anagram verbirgt und dass sich eine ganze Staude Bananenanspielungen in der Anleitung (jedenfalls der englischen) verbirgt. Der Name ist trotzdem Banane.

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