Montag, 3. Februar 2014

Lost Valley of the Dinosaurs

❞Dino mit Lippenstift?

Eigentlich muss der rechte braune Tiefziehplastikteilberg
nach links (wir Deutschen mögen keine tollen
Dinosaurierabenteuergeschichtenschreiber haben, aber,
Teufel auch, lange Wortungetüme bilden, das können wir)
Dummerweise ist bei meiner Ausgabe dort der Spielplan
nicht entsprechend ausgestanzt. Ein Fehldruck.
Arthur Conan Doyle ist bei uns als Erfinder von Sherlock Holmes bekannt. Dass von ihm auch die oft verfilmte Fantasy-Geschichte The Lost World stammt, in der ein Trupp englischer Forscher und Abenteurer ein Hochplateau in Südamerika entdeckt, auf dem noch Urzeitwesen wie Dinosaurier existieren, weiß in Deutschland kaum einer. Tolle Story, die zwar schon über 100 Jahre auf dem Buckel hat, aber in vieler Hinsicht ausgesprochen moderne Züge trägt und schon oft, aber leider noch nie werkgetreu verfilmt wurde: Eine Liebesgeschichte kommt darin zum Beispiel nur als Rahmenhandlung vor, 1912 hatten Frauen auf Abenteuerexpeditionen eben noch nichts zu suchen. Dafür ist die Original-Rahmenhandlung äußerst amüsant und verstößt gegen gängige Erzählkonventionen. Als Die vergessene Welt kann man das Buch hierzulande auf Deutsch bekommen.

Ja, die Angelsachsen haben eine echte Tradition, spannende Dinosauriergeschichten zu erzählen. Bei der Brettspielumsetzung haben sie leider weitgehend gepatzt.

Die Lava-Schuppen tröpfeln optisch
eindrucksvoll aus dem Vulkankegel.
Ergießen sie sich erst mal ins Land,
sieht das schon nicht mehr ganz so
eindrucksvoll aus.
An der Ausstattung liegt es offenbar nicht: Die ist für ein Spiel von 1985 atemberaubend. Ein großer Spielplan, zwei riesige Kunststoffberge mit Vulkankegel, viele Weichplastikfiguren, die Tyrannosaurier, ein Sumpfmonster und je vier Abenteurer pro Spieler darstellen, ein Flugsaurier,, Lavaplättchen, Goldmünzen, Patronen, Ereigniskarten, ein Tempel … die wohlige Zeit der Nachmittagsvorstellungen im Vorstadtkino, wo herrliche Schundfilme wie Caprona, das vergessene Land liefen, wird wach. Dann aber fallen einem die Details auf
  • so unwichtige wie die Tyrannosaurier, die aussehen, als hätten sie gerade Lippenstift aufgelegt, oder der alberne Flugsaurier, dessen Flügel man (nicht spielrelevant) flattern lassen kann und der in seinem wäscheklammerartigen Schnabel einen Abenteurer davontragen kann (bedingt spielrelevant)
  • und so wichtige wie eine Spielregel, die mehr offen lässt als sie erklärt.

Keine Ü-Ei-Figur –
der (bewegliche) Flugsaurier
gehört tatsächlich so zum Spiel
Autor ist der Brite Julian Courtland-Smith. Er ist außerdem der Autor des Klassikers Survive! (deutsch: Atlantis), in dem man Leute von einer Stück für Stück untergehenden Insel retten muss. Er ist auf Boardgamegeek aktiv, aber wenn man ihm Fragen zu Lost Valley of the Dinosaurs stellt, muss er passen. Das Spiel hat nämlich mit seiner Schöpfung nur noch bedingt zu tun. Die vom Verlag Waddingtons verbrochene Version wirkt nicht zu Ende gedacht und trotz eigens für das Spiel geschaffener Materialien wie eine Senkgrube für Billigspielzeug aus dem 1-Euro-Laden. Man würfelt sich mit seinen Abenteurern durch einen Plan aus Sechseckfeldern, zieht Ereigniskarten, die den Vulkan Lavaplättchen ausspucken lassen oder menschenfressende Tyrannosaurier auf den Plan rufen (bei der Version des Autors gab es dagegen noch ein Vielzahl unterschiedlicher Saurier mit unterschiedlichen Aktionen), während man versucht, den Tempel zu erreichen, um sich dort Goldmünzen zu sichern, die es dann gilt, zurück in die Basis außerhalb des Spielplans zu bringen. 


Deutsche Karten! Aus dicker Pappe!
Selbstgemacht! Mit Schreibfehlern!
Ja, das kann man als witziges Würfelspiel so runterspielen, vor allem mit Kindern und Jugendlichen, muss aber bereit sein, unklare Stellen der Regel durch Hausregeln zu ersetzen (Beispiel: Muss man den Tempel betreten, um an Gold zu kommen oder reicht es, vor ihm stehen zu bleiben? Wenn man ihn betreten müsste, wie viele Schritte kostet das?). Eine deutsche Regel und deutsche Spielkarten hatte ich mir gebastelt, um mit dem Nachwuchs der Großfamilie spielen zu können. Bleibt die Spielzeit im Rahmen, macht das nämlich durchaus Spaß. Ufert sie aus, was durch den hohen Glücksfaktor vorkommen kann, wird es bald langweilig.

Leider rückt Courtland-Smith mit den Details zu seiner Version nicht raus. Ich glaube zwar nicht, dass sie aus einem mäßigen ein großartiges Spiel machen würde, aber sie klingt in ihren Andeutungen wesentlich interessanter als die vorliegende Fassung, die übrigens nie auf Deutsch erschienen ist. Courtland-Smith sollte vielleicht zusammen mit einem Verlag ein Kickstarter-Projekt für die „richtige“ Version des Spiels starten. Ich wäre dabei.


Es ist ein Gralsspiel Eher ein persönliches: Ich habe als armer Student bei einer der ersten SPIEL-Messen damit geliebäugelt, weil es wie der totale Wahnsinn aussah (wenn ich auch den Spielwert schon damals als schwach eingeschätzt habe). Leider war es für mich damals unerschwinglich.

Einstieg eher anstrengend Ziemlich viel Aufbauarbeit, eher etwas fummelige Spielregeln mit Lücken, unter Umständen lange Spieldauer.

Spielreiz geht so Tolle, zum Spielen auffordernde Ausstattung, jedoch trägt es nicht über die volle, lange Spieldauer. Glück spielt leider die Hauptrolle und ein paar diffuse Regelstellen stören den Spaß.


Lost Valley of the Dinosaurs von Julian und Tonie Courtland-Smith
2 bis 4 Spieler
Waddingtons Games, 1985

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