Montag, 17. März 2014

Das Motorsportspiel


❞Berührt, geführt❝


Die Schachuhr ist nicht
Teil des Lieferumfangs
 Ganz klar: wer die Dynamik eines Autorennens, sei es Formel 1 oder wie hier Tourenwagen-Rennen, möglichst naturgetreu auf den Tisch bringen will, der legt sich eine Carrera elektrische Rennautobahn zu.

Ein Brettspiel zerlegt die kontinuierliche Bewegung des Fahrzeugfelds zwangsläufig in kleine, rundenbasierte Häppchen, was bei einigen Vertretern dieser Gattung zu gähnender Langeweile führt (ich blicke auf dich, Formula De!).

Und genau so wäre auch Das Motorsportspiel, wenn seine Macher nicht diesen kleinen, altbekannten, aber immer wieder wirksamen Kniff in die Spielregel eingefügt hätten: Die Zeit für deinen Zug ist begrenzt (= sie darf nur 20 Sekunden dauern).

Jeder Spieler hat ein Auto im Maßstab 1 zu 87 – bei weniger Spielern empfehlen sich 2 Wagen pro Nase. Die Wagen werden über eine Rennstrecke geführt, die meistens nur zweispurig angelegt ist und sich an eine tatsächlich existierende Rennstrecke anlehnt (vor Das Motorsportspiel kannte ich „Oschersleben“ nicht – ist das eine Ex-DDR-Rennstrecke, wo Trabbis im Kreis gefahren sind?). Apropos geführt: Obwohl die beiliegenden Modellautos einwandfrei rollen, stellt man im Spiel fest, dass praktisch jeder sie wie Halmafiguren bewegt, sprich: Der Wagen wird angehoben und von Feld zu Feld gestupst, gemäß seiner Zugweite. Irgendwann erleiden die Modellwagen dann Achsbruch.

An irgendeiner Stelle der Strecke gibt es eine einspurige Boxengasse mit Abstellfeldern für kleine Signalflaggen, außerdem befinden sich auf dem Spielplan noch drei Kästen für die drei Würfel, mit denen die Autos bewegt werden.

Wer an der Reihe ist, entscheidet sich, mit wie vielen der Würfel er würfeln möchte (der rote muss auf jeden Fall benutzt werden, er zeigt die Zahlen 1 bis 3 an, die beiden weißen sind Würfel mit der normalen Verteilung von 1 bis 6). Dann würfelt der Spieler und gleichzeitig muss ein anderer Spieler als Zeitnehmer agieren. Eine (billige) Schachuhr wäre ideal.

20 Sekunden hat der Spieler nun Zeit, sein Würfelergebnis auf die drei Kästen des Spielplans zu platzieren. Dabei darf er die Würfel auch auf ihre gegenüberliegende Seite drehen, wenn ihm die erwürfelten Zahlen nicht passen. Eine 6 kann so zur 1 werden, eine 3 zur 4, eine 2 zur 5 und umgekehrt. Bei dem roten Würfel liegt immer eine der nicht erwürfelten Zahlen gegenüber der 1, 2 oder 3. Sobald der Spieler einen Würfel auf einen der Kästen gelegt hat, ist das Ergebnis bindend. Braucht er zu lange, müssen die Würfel in der Reihenfolge und mit der Zahl genommen werden, in der sie zuletzt lagen.



Sobald die Würfel auf den Kästen liegen, kann der Spieler seinen Zug seine Fahrt in Ruhe fortsetzen. Auch jetzt gibt es noch (in Grenzen) gewisse Entscheidungfreiräume. Mit einer Würfelzahl, deren Punktanordnung intuitiv eine Diagonale ergibt, lässt sich nämlich wahlweise die Spur wechseln (das kann man also mit der 2, 3 und 5). Mit den anderen Zahlen kann man lediglich geradeaus brettern.

Ohne die Zeitbegrenzung, das erkennt man vermutlich schon, wäre das Spiel relativ banal. Einen fehlerfreien, wenn auch nicht unbedingt optimalen Zug kann man eigentlich aus jedem Würfelergebnis konstruieren, vor allem, wenn man nicht zu gierig ist, denn vor den Rennerfolg haben die Götter die gegnerischen Wagen und die Kurven-Höchstgeschwindigkeit gesetzt. Zum einen darf man nicht in gegnerische Wagen hineinbrettern – sonst gibt’s ein Schadensfähnchen, das auf die eigene Box gestellt wird, und der Wagen kommt kurzzeitig neben die Strecke, zum anderen steht an den Kurven eine Zahl, die angibt, mit welcher maximalen Würfelzahl man dort hinduchfahren darf. Steht also an einer Kurve „2“ und man benutzt versehentlich (oder weil es gar nicht anders geht) die „3“ eines Würfels, um dort entlangzufahren, gibt’s ebenfalls ein Schadensfähnchen.

Nach einer Runde stellt man übrigens (auch als Neuling) fest, dass 20 Sekunden zu lang sind, denn es unterlaufen kaum noch schlimme Fahrfehler. 15 oder 10 Sekunden sind vermutlich herausfordernder.

Wenn sich Schadensfähnchen ansammeln, sollte man sie durch eine zeitraubende Fahrt durch die Boxengasse wieder verschwinden lassen. Pokert man hier aber zu hoch und verzichtet auf die Reparatur, kann der Wagen ab einer gewissen Schadenshöhe komplett ausscheiden.

Nach drei gefahrenen Umrundungen steht der Sieger fest. 

Durch den Zeitdruck kommt bei Das Motorsportspiel kaum Langeweile auf. Es gibt einige taktische Überlegungen (erfahrenere Spieler gewinnen für gewöhnlich) und, sobald man sie einmal kapiert hat, klare und einfache Regeln. 

Ein Klassespiel. Warum ist es bloß nicht mehr im Handel? Das lag wohl an dem „selbstgemacht“-Faktor: Das Spiel wurde in einer großen, transparenten Kunststoffrolle vertrieben, die Autos stammten unzweifelhaft vom Modellbauhandel, die überdimensionalen (150 mal 80 Zentimeter), trotzdem nach dem Entrollen gut plan liegenden Rennstrecken waren auf Papier gedruckt (wenn auch auf hochwertiges) und sahen trotz präzise gezeichneter und tadelloser Streckenführung insgesamt nach einer Laienarbeit und ziemlich langweilig aus.

Dem Spiel sind diese Negativpunkte nicht abträglich. Für mich das beste würfelgetriebene Autorennspiel, das bisher auf den Markt gekommen ist.   


Es ist ein Gralsspiel Es gibt trotz vieler Fans und enorm vielen durch Fans hergestellten Spielplänen die Originalausgabe nicht mehr im Handel, weitere angekündigte offizielle Rennstrecken gab es nie. Restbestände des Spiels sind zwar noch im Versandhandel zu bekommen, dort sind jedoch andere Modellautos dabei (die auch nicht schlecht sind). 

Einstieg eher anstrengend Die Spielregeln sind nicht ganz eingängig geschrieben, wenn auch kurz. Die Spieldauer ist eher lang, trotzdem ist man recht schnell wieder an der Reihe und muss sich wegen der extremen Zeitbegrenzung ständig konzentrieren.

Spielreiz gut Durch die Zeitbegrenzung kommt tatsächlich ein bisschen Rennatmosphäre auf, und die Spielfehler, die gelegentlich entstehen (ohne Zeitbegrenzung wäre das Spiel ziemlich banal), machen Spaß (jedenfalls den Gegnern). Die Spieldauer ist bei vielen Autos auf der Strecke etwas zu lang.

Das Motorsportspiel von Peter Steinke und Martin Wieland
2 bis 12 Spieler
Professional Motor Sports Games, 1995

1 Kommentar:

  1. Hallo zusammen!
    Ich hätte da ein paar Anmerkungen: Der Einstieg ist tatsächlich nicht so einfach, eben aufgrund der merkwürdig geschriebenen Regeln, allerdings hat sich herausgestellt, das man recht leicht und schnell den Kniff raus hat, wenn man ein paar "Testrunden" mit erfahreneren Spielern dreht.
    Des weiteren ist es gar nicht nötig, das Spiel in der Originalversion auf Ebay, Amazon oder dergleichen zu jagen, vielmehr sind inzwischen derart viele Strecken von Fans (so wie mir) verfügbar, und so viele nutzbare Modelle am Markt, das man sich das Spiel auch problemlos selbst zusammenstellen kann. Einige wenige Specials, so zB ein bestimmter spezieller Würfel, sind mit ein wenig Geschick und Improvisationstalent einfach selbst zu basteln, sodass man nicht gezwungen ist, irgendwo unverschämte Preise für Altbestände des Originals hin zu blättern.
    Wer Fragen hat, darf sich gern vetrauensvoll an mich wenden unter JBroich@gmx.de, oder sich alternativ bei boardgamegeek.com anmelden und dort im entsprechenden Forum stöbern oder auch posten!
    Viele Grüße,
    Jörg

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