Montag, 12. Mai 2014

Yvio: Die Technik


Brettspiele, die man nur mit einer teuren, eigens für die Spiele entwickelten Konsole spielen kann? Die an die 80 Euro kostet und an sich keinen Spielwert hat? Wo jedes Spiel erneut 30 bis 40 Euro kostet? Das kann doch nur floppen …
Ach, wenn doch jemand eine Konsole rausbringen würde, die sich um die fummelige Buchhaltung solcher Spiele wie Arkham Horror kümmern könnte - da würde ich sofort zuschlagen …

Auf einmal geht mir ein Licht auf. Ich werde eine solche Wunsch-Konsole nie bekommen, wenn ich Elektronik im Brettspiel links liegen lasse. Also hole ich tief Luft, greife noch tiefer in die Tasche und lege mir die Konsole sowie ein paar Spiele zu und mache kräftig Werbung für das System im Bekanntenkreis. Ich habe es nicht bereut, denn was ich an Spielstunden aus dem ganzen Yvio-Kram herausgeholt habe, steht in einem extrem guten Verhältnis zum Preis.   


Und was soll ich sagen? Yvio ist höllisch gefloppt, weitere Konsolen werden wohl nie kommen. Mein Einsatz war umsonst.



So ohne weitere Infos erkennt man auf der Konsole
meistens nichts, siehe unten …
Die schwarzweiße Yvio-Konsole sieht so ein bisschen aus wie ein dreiteiliges Yin-Yang-Symbol. Ihr glänzendes Plastik wirkt leider ziemlich billig, einen Bildschirm kann sie auch nicht aufweisen, sondern nur ein Feld aus vielen roten Leuchtdioden, mit dem grob Texte und Zahlen sowie Grafiken angezeigt werden können. Vorteil: die Dioden sind schön hell und werden überall am Tisch gut gesehen. Einige mit Symbolen markierte Sensortasten befinden sich noch an der Oberseite, was eine gute Sache ist, denn sie können im Gegensatz zu mechanischen Tastern nicht ausleiern oder verklemmen. Ein Schlitz zum Einschieben einer SD-Karte ist seitlich zu sehen, sowie, eher versteckt, ein Einschaltknopf. Unten hat die Konsole vier asymmetrisch angeordnete Füße, die präzise in Ausstanzungen der Spielpläne passen und ein Batteriefach. Beim Batteriefach fangen die wahren Probleme an:

Das Ding frisst AA-Batterien (oder Akkus) förmlich.


Da praktisch keines der Spiele eine Speicherfunktion besitzt, ist man bei plötzlich mitten im Spiel leerlaufenden Batterien aufgeschmissen – es sei denn, man besitzt ein USB-Netzteil und ein langes USB-Kabel. Ein Mini-USB-Anschluss ist löblicherweise an der Konsole zu finden. Dummerweise steht die Konsole immer in der Mitte des jeweiligen Spielplans und so liegt das Kabel zwangsweise irgendwo auch immer im Weg.



Der Konsole liegen noch vier große, puckförmige Spielsteine bei.

Jedes der separat zu kaufenden Brettspiele (es gab auch günstige Kombiangebote, wo ein Spiel plus Konsole mit leichtem Rabatt verkauft wurden) enthält mindestens einen Spielplan und eine SD-Karte mit der Software und den Sounddateien. Zusätzlich lagen bestimmten Spielen weitere 4 Spielsteine in anderen Farben bei, manchmal auch noch Spielfiguren, in deren Sockel die Spielsteine eingeschoben werden können, und Pappstanzteile oder sogar Spielkarten, die die Konsole erkennen kann.



… der "Spiele-Skin" macht dann schon eher klar, was die
Lämpchen zu bedeuten haben (übrigens ist das eine Eigenbau-
Variante von Spongebob als Piratenspiel mit entsprechendem
Spielplan und Sound).
Jedes Spiel bringt außerdem einen halbtransparenten Aufleger mit, der genau oben auf die Konsole passt und auf dem die für das Spiel benutzten Sensortasten gekennzeichnet sind. Diese so genannten Skins sind zwar an sich eine gute Idee, da sie aber aus welligem Kunststoffmaterial bestehen und lediglich auf die Konsole gelegt und nicht irgendwie fest mit ihr verbunden werden, verrutschen sie im Spiel dauernd.

Ohne Spiele lässt sich mit der Konsole nichts anfangen, es sei denn, man wird selber aktiv: Auf seiner Website hatte der Verlag zwei Abenteuergeschichten zum Download angeboten, die man kostenlos laden und auf eine (selber zu besorgende) SD-Karte kopieren musste. Sie waren sehr kurz und boten dem Solospieler die Möglichkeit, sich an bestimmten Stellen der Erzählung für einen von zwei Wegen zu entscheiden. Ganz nett, aber extrem kurz und banal. Bereits an dieser Stelle hätte ich mir mehr und umfangreicheres Material (gerne auch zum Kauf) gewünscht.

Die zugrundeliegende Technik selbst ist weitgehend robust und ziemlich überzeugend ausgetüftelt. Die Konsole besitzt rundum 20 versteckte Antennen, die genau über bis zu 20 Metallfolienleiterbahnen im Spielplan stehen. Die Leiterbahnen sind unter dem Papier der Spielpläne geführt und enden dort, wo auf dem Spielplan die bis zu 20 Spielfelder eingezeichnet sind. Legt man nun einen Spielstein (oder eine Yvio-Spielkarte) auf eins der Felder, „weiß“ die Yvio-Konsole also, wo sich Spielstein oder Karte befinden. Da in den Spielsteinen und -karten unterschiedliche RFID-Antennen eingelassen sind, erkennen die Antennen  auch, welcher Spielstein an welcher Stelle steht.


So überzeugend das auch gelöst ist, so zeigen sich jedoch zwei Schwächen des Systems: 



  • Mehr als 20 Felder erkennt die Yvio nicht (im Spiel Tarascon sind zwar viel mehr Felder abgedruckt, tatsächlich spielwichtig sind nur 19).
  • Wenn ein Spielplan beschädigt wird (das kann durch Feuchtigkeit oder Biegung passieren) zerreißen die aufgedruckten Leiterbahnen und die Konsole erkennt die entsprechenden Felder nicht mehr (man kann sich notdürftig behelfen, indem man den entsprechenden Stein an die korrekte Stelle der Konsole hält). Eine solche Beschädigung kommt anscheinend häufiger vor, allerdings ist auf meinen eigenen 13 Spielplänen noch nie ein derartiger Defekt aufgetreten.

Da der Verlag nicht mehr existiert und die Rechte an einen Investor gegangen sind, der nun den Daumen drauf hat, gibt es weder eine Chance auf Updates (ein paar Spiele könnten sie nämlich brauchen) noch darauf, dass der Code der Konsole frei verfügbar wird und Fans eventuell eigene Entwicklungen herausbringen – denn der Code, in dem sich die eigentlichen Spiele verbergen, ist nicht ohne irrwitzigen Aufwand zu entschlüsseln.

Das Gegenteil gilt jedoch für die Sounddateien: Sie liegen völlig offen als .wav-Dateien auf den SD-Karten und auch ihre Ansteuerung ist per recht einfach zu durchschauender Textdatei veränderbar. Damit lässt sich zwar der Spielablauf selbst nirgendwo verändern, allerdings eine Menge anderer spaßiger Unfug treiben. Immerhin.


Inzwischen, das wird keinem entgangen sein, haben die Brettspiel-Anbieter übrigens die Smartphones und Tablet-Computer als Ergänzung oder sogar notwendiges Requisit für Brettspiele entdeckt. Vielleicht kommt ja doch noch eine interaktive Arkham-App … 



Einstieg eher locker Die Konsole und weitere Technik ist schnell verstanden, bei fast allen Spielen kann man sofort loslegen.


Spielreiz geht so Eigentlich ein „sehr gut“, denn das Grundkonzept macht Spaß – bei der Konsole (um die geht es hier vor allem) stört aber der Batterieverbrauch, die fehlende grundsätzliche Speichermöglichkeit und die unausgereiften Spiele-Transparentaufleger.



Yvio-Spielsystem
je nach Spiel 1 bis ... Spieler
Public Solution GmbH, 2008






Folgende Brettspiele sind in der kurzen Zeit zwischen Einführung und Pleite für die Yvio-Konsole erschienen:


Yvio Elefant, Tiger & Co. (Quiz) •

Yvio Thinx (Denksport) ••

Yvio Pettersson und Findus 
Auf dem Bauernhof ist was los (Spielesammlung) •• (für Kinder: ••••)

Yvio Partytime (Quiz- und Reaktion) •••

Yvio Galileo Denkfitness (Denksport) •••

Yvio Tarascon (Fantasy und Strategie) •••

Yvio Octago (Abstrakt) •••

Yvio Spongebob Schwammkopf Krosse Krabbe Express (Reaktion + Merkfähigkeit) ••••

Yvio Freibeuter der Karibik (Aufbau und Strategie) ••••

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